Dimensions in Testimony: das Potential digitaler ZeitzeugInnengespräche

„Das Internet vergisst nie!“ – mit diesem Satz wird meistens eine Warnung verbunden, vielleicht jedoch steckt darin auch eine Chance. Eine Chance das Versprechen gegen das Vergessen tatsächlich einzulösen. Das Ende des Zweiten Weltkrieges ist heute fast 80 Jahre her. Die wenigen verbliebenen Überlebenden sind sehr alt. Sie alle werden in den nächsten Jahren versterben und dann nicht mehr in der Lage sein, von ihren Erfahrungen und Erlebnissen während der Shoah aus erster Hand zu berichten.

Genau auf diesen persönlichen Berichten basiert jedoch ein großer Teil der deutschen Bildungs- und Gedenkarbeit. Das persönliche Gespräch mit Personen der Opfergruppen soll den Fokus von namenlosen Opfern auf konkrete Einzelschicksale lenken und die Bedeutung der Auslöschung von Millionen Leben greifbar machen. Viele Menschen setzen daher Hoffnungen in digitale Projekte, die mithilfe neuer Methoden eine Möglichkeit bieten sollen, die Erinnerungskultur in Deutschland zu erweitern und digital fortzusetzen. Dabei muss sich die Frage gestellt werden, inwieweit der digitale Raum als Kompensation des individuellen ZeitzeugInnengesprächs dienen kann und welche Potentiale und Risiken mit den digitalen Methoden einhergehen.

Besonders spannend scheint das Projekt Dimensions in Testimony (DIT) der USC Shoah Foundation. Im Rahmen von DIT werden Interviews mit Shoah-Überlebende mithilfe von 360 Grad Kameras aufgezeichnet. Überlebenden werden dabei zwischen 1.000 und 2.000 Fragen gestellt und ihre Antworten vollständig digitalisiert. Dieses umfangreiche Bild- und Tonmaterial wird neuerdings in der Bildungs- und Gedenkarbeit viel genutzt. SchülerInnen oder andere interessierte Personen können mithilfe von spezieller Technik in einen Dialog mit den ZeitzeugInnen treten und auch direkte Fragen stellen, auf die sie eine Antwort suchen. Diese Fragen können mithilfe von Spracherkennungssoftwares erkannt werden. Mithilfe eines Algorithmus wird dann eine passende Sequenz aus dem Interviewmaterial ausgewählt und abgespielt. Das Einsetzen von Spracherkennungs­softwares soll es dabei ermöglichen auch auf sehr spezifische Fragen einzugehen und so den Dialog zwischen ZeitzeugInnen und SchülerInnen so authentisch wie möglich auszugestalten. Dargestellt werden die ZeitzeugInnen zumeist auf lebensgroßen Bildschirmen. Die Darstellungen werden häufig auch als Hologramme bezeichnet. Das Projekt Dimensions in Testimony startete 2012 mit einem Interview des Überlebenden Pinchas Gutter. Heute existieren bereits Aufzeichnungen von mehr als 50 ZeitzeugInnen. Die meisten Gespräche sind auf Englisch aufgezeichnet worden, jedoch gibt es heute Aufnahmen in acht weiteren Sprachen.

Den InitiatorInnen des Projektes ist bewusst, dass ein persönliches face-to-face ZeitzeugInnen­gespräch auch durch das DIT-Projekt nicht ersetzt werden kann, jedoch sollen die digitalen GesprächspartnerInnen eine immersive Interaktion ermöglichen und eine persönliche Ebene in die Auseinandersetzung mit der Shoah bringen. Ein Unterschied zwischen den DIT-Installationen und herkömmlichen Ausstellungen zur Shoah liegt daher auch in der Art des Erzählens. Die DITs erzählen ihre Geschichte reaktiv auf Fragen der NutzerInnen hin, sodass die Erlebnisse der ZeugInnen auf die Interessen der NutzerInnen abgestimmt und nichtlinear erzählt werden. Damit NutzerInnen jedoch Fragen an ein DIT stellen können, ist ein gewisses Basiswissen über den Holocaust notwendig. Dies wird zum Beispiel darüber realisiert, dass sich die DITs zunächst in einem kurzen Standardvideo selbst vorstellen, bevor Fragen gestellt werden können. Bisher sind Begegnungen mit DITs hauptsächlich im Rahmen von Museen und Bildungseinrichtungen als Ergänzung zu Dauerausstellungen zu finden. Dies ergibt zwar Sinn, da dort der notwendige Kontext und die Technik zur Verfügung gestellt werden kann, jedoch bietet die Idee, dass DITs an Schulen und Universitäten in der Lehre eingesetzt werden, ein deutlich größeres Potential. Durch das tragbare Design und die Möglichkeit überall und zu jeder Zeit ein ZeitzeugInnengespräch zu führen, erhalten mehr Menschen Zugang zu dieser Form der Bildungsarbeit. Heute ist es sogar möglich von zuhause mit dem eigenen Laptop ein digitales ZeitzeugInnengespräch zu führen. Ein face-to-face ZeitzeugInnengespräch findet zumeist in Begleitung einer Lehrperson oder geschultem Personal statt, die eventuelle Emotionen auffangen und weitergehende Fragen beantworten können. Diese Möglichkeiten sind im jederzeit verfügbaren Onlineformat gegebenen­falls nicht oder nur eingeschränkt verfügbar.

Anders als in realen ZeitzeugInnengesprächen ist die Zahl der Antworten, die das KI-gestützte System geben kann, begrenzt. Besonders ist dies bei Fragen, die gegenwärtige Ereignisse betreffen, wie z.B. aktuelle politische Ereignissen oder die kürzliche Zunahme von antisemitischen Verschwörungstheorien während der Coronapandemie, auf die die DITs nicht antworten können.

 Digitales Zeitzeugengespräch mit Pinchas Gutter

Über die Internetseite des DIT-Projektes können Interessierte jederzeit mit einer kleinen Auswahl der DITs sprechen. Ich selbst habe es ausprobiert und mich mit Pinchas Gutter und Eva Kor unterhalten. Das Gespräch funktioniert dabei sehr ähnlich zu denen in einem Museum. Fragen können entweder via Chat oder mithilfe des Mikrofons gestellt werden, woraufhin ein Videoclip mit einer passenden Antwort abgespielt wird. Sollte das System eine Frage nicht erkennen, bitten die digitalen ZeitzeugInnen darum, die Frage noch einmal anders zu formulieren. In der Anwendung lernte ich dabei schnell, die Fragen möglichst konkret und kurz zu formulieren, um die gewünschten Antworten zu erhalten. Bei sehr offenen Fragen habe ich auch feststellen können, dass die ZeitzeugInnen mir Vorschläge bereiteten, zu welchem Teil ihres Lebens sie etwas erzählen könnten. Positiv empfinde ich auch, dass nicht nur Fragen zur persönlichen Geschichte hinterlegt sind, sondern zum Beispiel auch Antworten zum Umgang mit HolocaustleugnerInnen und Hinweise für die Zukunft.

Da ich das Glück hatte während meiner Schulzeit an einem ZeitzeugInnengespräch mit der Überlebenden Erna de Vries teilnehmen zu dürfen, konnte ich immer wieder Vergleiche zu einem face-to-face ZeitzeugInnengespräch ziehen. Damals war für mich der Moment, in dem Erna de Vries ihren Ärmel hochschob und uns SchülerInnen die auf ihrem Arm eintätowierte Nummer aus Auschwitz zeigte, besonders bewegend. Ich hatte schon vorher viele ZeitzeugInnenberichte gelesen und mich mit der Shoah auseinandergesetzt, doch diese Geste machte die Gräueltaten der Shoah unfassbar viel greifbarer. Daher fragte ich auch das DIT von Eva Kor nach ihrer Nummer aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Und ganz ähnlich wie damals Erna de Vries berichtete Eva Kor sehr genau von dem Moment des Tätowierens und zeigte ihren Arm. Auf meinem kleinen Computerbildschirm war von dieser Geste leider wenig zu erkennen. Doch in einigen Museen und Einrichtungen werden die ZeitzeugInnen auf lebensgroße Bildschirme projiziert, sodass das Gespräch mit ihnen besser erfahrbar ist.

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Zeitzeuge Aaron Elster vor seinem DIT

Auch wenn es weitere technische Fortschritte geben sollte, die ein stärker immersives Erlebnis mit den DIT-ZeitzeugInnen ermöglichen, die Momente aus einem direkten Austausch wird ein DIT ZeitzeugInnengespräch vermutlich nie vollständig ersetzen können. Aber es kann hoffentlich durch einen persönlichen Bezug Anreize schaffen, sich konkreter mit der Vergangenheit auseinander zu setzen und damit über den Aspekt der Konservierung hinaus einen Beitrag zur Erinnerungsarbeit leisten. Denn durch das Stellen persönlicher Fragen können die NutzerInnen immer wieder Parallelen zwischen dem eigenen Leben und dem der ZeitzeugInnen aufdecken, was die Schicksale noch greifbarer macht. Dabei ist beim Einsetzen von DITs positiv aufgefallen, dass NutzerInnen weniger zurückhaltend mit ihren Fragen sind, weil sie keine Angst haben müssen, die Interviewten zu verletzen. So wird noch leichter eine persönliche Interaktionsebene erreicht. Das DIT-Projekt bietet somit eine gute Gelegenheit, um auch in der Zukunft, wenn es keine ZeitzeugInnen mehr geben wird, jungen Menschen einen persönlichen Zugang zu den Themen der Shoah zu ermöglichen. Und auch die Überlebenden selbst sehen in dem Projekt Hoffnungen für die Zukunft. Der von Dimensions in Testimony interviewte und mittlerweile verstorbene Zeitzeuge Aaron Elster sagte dazu: „We survivors feel that when we are gone, our story is gone. I’m hoping that many, many years from now, people will still be able to speak with me. That I will be able to answer questions for them, that I’ll make the Holocaust more than just a story.

Marie Queste

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