Social Media und das Phänomen TikTok – Mit dem Algorithmus in die Depression?

Mit kurzen Videoclips viral gehen und sich von lustigen Videos berieseln lassen. All das ermöglicht uns die App, die man beim Lesen höchst-wahrscheinlich schon erraten kann: TikTok. Kaum eine andere Social Media Plattform, hat so einen starken Einfluss auf unsere Gesellschaft genommen wie diese.

Von Pappaufstellern in Läden an denen steht „bei TikTok gesehen“ bis hin zu Politikern, die mit kurzen lustigen Clips versuchen die Jugend auf sich aufmerksam zu machen. TikTok ist mittlerweile überall. Wieso auch nicht? Die kurzen Clips sind eine einfache und schnelle Möglichkeit aus dem Alltagsstress und den Geschehnissen der Welt zu entfliehen. Doch wieso hat diese Plattform in so kurzer Zeit derart an Popularität gewonnen. Und wieso wollen wir, wenn wir TikTok gestartet haben immer und immer weiter scrollen? Geht es in dieser App wirklich nur um die lustigen Tanzvideos, oder gibt es auch andere Seiten der Plattform, die den Erfolg gewähren? Seiten, die auf Anhieb nicht zu erkennen sind? In welchem Ausmaß beeinflusst TikTok  z.B. unsere (mentale) Gesundheit und unsere alltäglichen Handlungen? Diesen Fragen widmet sich der folgende Beitrag.

Die Plattform TikTok ist im Vergleich zu Facebook oder Instagram sehr neu, und trotzdem schnell sehr populär geworden. Von den rund 4,62 Milliarden Social Media Nutzern, verwenden monatlich 1,7 Milliarden Menschen auch TikTok. 2018 erschien die App als Nachfolger der Plattform „Musical.ly“, welche ein ähnliches Konzept verfolgte wie TikTok heute: Lippensynchronisation und Tanzvideos. Die App war jedoch nicht ansatzweise so bekannt wie es TikTok heute ist, und wurde im Jahr 2017 von dem chinesischen Unternehmen ByteDance aufgekauft; einem Unternehmen, welches eines der weltweit führenden Anwender von künstlicher Intelligenz ist. ByteDance betrieb zuerst die chinesische Inhaltsplattform „Toutiano“, welche Nutzern individuelle Nachrichten Feeds anzeigte, die auf maschinellen Lernalgorithmen basierten. Bei der Entstehung von TikTok wurden diese beiden Programme Musical.ly und Toutiano zusammengeführt. Dies ist besonders interessant, um an einem späteren Punkt des Beitrags den TikTok Algorithmus zu verstehen.

Da hauptsächlich die „Gen Z“ TikTok vermehrt nutzt, ist die Plattform mit ihren Inhalten relevant für die Populärkultur. Und obwohl sich die App eher an die jüngere Bevölkerung richtet, hat heutzutage schon fast jeder etwas davon mitbekommen. Mit 3,5 Milliarden Downloads weltweit steht TikTok hinter Facebook und dem Messenger-Dienst WhatsApp und auf Platz drei der am häufigsten heruntergeladenen Apps. Dem schnellen Aufstieg hat die App zahlreichen Werbebudgets und einer guten KI zu verdanken. Bevor die Plattform auf dem Markt erschien, engagierte das Unternehmen Influencer, die für viel Geld Content für die Plattform produzieren sollten. Dadurch erlangte die App erstmals Aufmerksamkeit und entwickelte sich zu einer Plattform mit dem Hauptfokus auf das neue Geschäftsmodell der „Video-Werbung“. Marken bewerben ihre Produkte mit Challenges oder ästhetischen Video-Clips, und kooperieren mit Influencern, um mehr Reichweite zu generieren. TikTok erlangt damit einen Umsatz von über 10 Milliarden US Dollar im Jahr 2022.

Mit rund 63% liegt der Anteil der Nutzer mit einem Alter zwischen 13-24 Jahren deutlich über der Hälfte bei der jungen Bevölkerung. Mit steigendem Alter fällt die Nutzung der Social Media App. Zwar darf die App laut offiziellen Auflagen erst ab 13 Jahren verwendet werden, und dass nur mit Einverständnis der Eltern, jedoch findet man laut einer Untersuchung rund 1,4 Millionen deutlich jüngere User auf TikTok. Auch die Plattform selbst führt keine Kontrolle von dem Alter der User durch. Besonders gefährlich ist die Nutzung der App von jungen Kindern, wenn es um sogenannte „Challenges“ geht. Diese können Choreografien zu bekannten Songs sein. Besonders umstritten sind jedoch die TikTok Challenges, bei denen die die Devise lautet: gefährlicher ist mehr. Bei einer dieser Challenges starb kürzlich der 13-jährige Jakob aus den USA, obwohl er doch nur den so spaßig scheinenden Trend der Social Media App mit seinen Freunden nachmachen wollte. Bei der sogenannten „Benadryl-Challenge“ nahmen Leute große Mengen an Antihistaminika zu sich, welches eigentlich ein Medikament für Allergiker ist. Bei zu hoher Dosierung soll das Medikament Halluzinationen hervorrufen, die dann in dem TikTok Video dokumentiert werden sollen. Jakob landete nach der Einnahme der Überdosierung im Krankenhaus und starb sechs Tage später. Auch die „Blackout Challenge“ hat mehrere Todesopfer auf dem Gewissen. Bei dieser Challenge sollen sich die Teilnehmer bis in die Ohnmacht würgen. Lalani und Arriani, zwei acht- und neunjährigen Mädchen aus den USA nahmen an dieser Challenge teil und kamen dabei beide ums Leben. Die Eltern verklagten die Plattform unter dem Vorwurf, der Algorithmus der App zeige absichtlich vermehrt Videos dieser Challenge an. Zwar ist der Hashtag #BlackoutChallenge heute auf der App gesperrt und es erscheint eine Warnung, jedoch entstehen immer wieder neue Challenges die mitgemacht werden wollen. Dabei ist es egal ob Tanz Challenge, Sport Challenge oder Mutproben Challenge; man macht diese Trends mit, um viral zu gehen und viele Likes zu bekommen. Doch wie genau geht man auf TikTok viral, und wie funktioniert dieser Algorithmus, den die Menschen versuchen zu verstehen?

45 Minuten verbringt der durchschnittliche User auf der App. Aus eigenen Erfahrungen und Erzählungen von fast jeder Person die in meinem Umfeld TikTok besitzt, können es jedoch auch Stunden sein, die auf der App verbracht werden. Die eigentliche Magie der Plattform passiert auf der „ForYou“ Page. Durch die einfache Bedienung, die kurzen Clips, die die Aufmerksamkeitsspanne nicht überlasten und dem so spezifischen Algorithmus wird der Nutzer zu einer langen Verweildauer auf der App angeregt. Es scheint, als gäbe es stundenlangen Content, der nie aufhört, und vor allem, der den Nutzer kennt und versteht. Laut dem Unternehmen selbst werden die Videos auf der ForYou Page nach den folgenden Kriterien angezeigt:

  1. Interaktionen des Nutzers: Videos, die man liked oder teilt, Profilen, denen man folgt, Kommentare oder Inhalte, die man posted.
  2. Informationen aus den Videos: Untertitel, Sounds oder Hashtags.
  3. Endgerät und Einstellungen: Spracheinstellungen, in welchem Land man sich befindet und sogar die Marke des Smartphones.

Zudem ist es wichtig, ob man sich ein Video ganz anguckt, oder es weiter scrollt. Je länger sich ein Video angeschaut wird, desto mehr wird es von dem TikTok Algorithmus gepusht. Die Challenges zum Beispiel ziehen Aufmerksamkeit auf sich und werden häufig komplett angeschaut. Zudem spielt der Algorithmus mit dem „Mere-Exposure-Effekt“. Je mehr wir von einer Sache sehen, desto mehr mögen wir sie. Je öfter einem also Videos von Challenges angezeigt werden, desto mehr möchte man sie nachmachen. Im Vergleich zu anderen Social Media Plattformen hat die Followerzahl auf einem TikTok Account keine große Bedeutung, wenn es darum geht bekannt zu werden, denn jeder hat die Möglichkeit mit seinem Video berühmt zu werden. Dazu kommt, dass man durch die unendliche ForYou Page immer wieder etwas Neues zu sehen bekommt. Mit jedem Swipe wird das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. Wie bei einem Glücksspiel erhofft sich unser Gehirn nach jedem nächsten Swipe ein neues Video was uns gefällt. Da dies wegen dem KI-gesteuerten Algorithmus fast immer der Fall ist, kann es sehr schwer sein, die App auszuschalten.

In einer kleinen Umfrage in meinem Freundeskreis ist mir aufgefallen, dass einige, so wie ich auch, bereits TikTok gelöscht haben eben aus diesem Grund: Es macht süchtig wie keine andere App. Zwar gibt es ähnliche Funktionen anderer Plattformen wie Youtube Shorts oder Instagram Reels, jedoch berichtetet jeder meiner Freunde, dass der Algorithmus auf TikTok einfach viel besser sei. Doch nicht nur der Suchtfaktor stellt eine Gefahr auf der App dar. Schon lange gibt es Studien, die zeigen, dass Social Media unserer mentalen Gesundheit schadet. Wie auf jeder anderen Social Media App stehen die Nutzer auch bei TikTok im ständigen Vergleich mit anderen. Es werden Schönheitsideale verkörpert, die ohne Filter oder Schönheitsoperationen nicht zu erreichen sind. Auch hier gilt der Mere-Exposure-Effekt. 82% der Heavynutzerinnen der App geben an, optisch etwas an ihnen verändern zu wollen. Besonders gefährlich wird dies, wenn der TikTok Algorithmus einen immer weiter Videos anzeigt zu sensiblen Themen wie Komplexen oder der eigenen Unzufriedenheit, da man schnell in eine dunkle Bubble abrutschen kann. In einem Selbstexperiment versuchte eine Journalistin herauszufinden wie schnell man auf TikTok in solch eine „Rabbit-Hole“ hineinrutschen kann. Dafür bekam sie ein komplett neues Endgerät, einem neuen TikTok Account und damit einen neuen und frischen Algorithmus. Bereits das 6. Video thematisierte bedrückende Themen und nach einem like und blicken in die Kommentare dauerte es nicht lange bis jedes Video auf der ForYou Page depressiven Inhalt thematisierte. Eine Spirale, die für jeden Nutzer enorme Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben kann, denn die App gibt mit solchen Videos immer wieder emotionale Anstöße die schwer zu erkennen sind, uns im Unterbewusstsein jedoch langfristig beeinflussen. Auch The Guardian berichtet von dieser „Rabbit-Hole“ wenn es um Content auf TikTok geht und schreibt: „Der Algorithmus erkennt die Schwachstelle und sieht sie nicht als etwas an, mit dem er vorsichtig umgehen sollte, sondern als einen potenziellen Suchtfaktor, der dazu beiträgt, die Verweildauer des Kindes auf der Plattform zu maximieren, indem er ihm Inhalte anbietet, die einige der bereits bestehenden Bedenken auslösen könnten.“ Diese Kritik korrespondiert mit den Befunden einer Studie, die die AOK kürzlich unter 4.000 Teenager durchgeführt hat, die über einen Zeitraum von vier Jahren beobachtet wurden. Es stellte sich hier sehr klar heraus, dass mit steigendem Social Media Konsum auch stärkere depressive Symptome einher gehen.

Um meine Umfrage im Freundeskreis erneut aufzugreifen: Auf die Frage, ob man sich schlechter fühlt, nachdem man Stunden auf der App verbracht hat, haben fast alle mit einem „JA“ geantwortet. Ein erschlagenes und leeres Gefühl erreicht die Leute, nachdem sie Stunden lang auf TikTok unterwegs waren. Inhalte die triggernd wirken können, lassen einen noch Stunden nach dem Video nicht los. Das Social Media nicht gut für unser Wohlbefinden ist, ist also kein Geheimnis mehr. Trotzdem nutzen es Milliarden von Menschen. Es gehört zu unserer Kultur dazu. Doch besonders TikTok fasziniert uns mit seinem neuen Konzept: einer Kombination aus dem einfachen Design, dem Algorithmus, der uns besser zu kennen scheint, als wir uns selbst, und der Möglichkeit berühmt zu werden. Wo führt es jedoch hin, wenn wir uns als Entspannung und Ablenkung über Stunden hinweg nur noch 30 Sekunden Videoclips anschauen und uns danach sogar schlechter und erschöpfter fühlen als davor? Wollen wir als Gesellschaft einer einzelnen App wirklich die Macht verleihen unser Handeln und Wohlbefinden nach ihr zu beeinflussen? Vielleicht konnte ich den ein oder anderen erreichen mal ein eigenes Selbstexperiment zu starten und die App vielleicht für ein Wochenende zu deinstallieren, oder bewusst den Content zu ignorieren, der einem nicht guttut. Um die einfachen und lustigen Tanzvideos geht es in der App schon lange nicht mehr.

Olivia Kasperek

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