Neulich stieg ich in die Berliner S-Bahn. Vor mir ein Dutzend herunterhängende Köpfe, starrende Augen auf leuchtende Bildschirme. Kleine quengelige Kinder bekommen das Smartphone ihrer Eltern in die Hand gedrückt und sind sofort ruhig. Dieser Anblick ist keine Seltenheit. Durchschnittlich verbringen deutsche erwerbstätige Erwachsene täglich über 5 Stunden online. Spätestens das Smartphone eroberte 2008 die Herzen aller Internetliebhaber, die von nun an überall darauf Zugriff haben. Seit 2018 ist die sogenannte Internetnutzungsstörung im ICD-11 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als anerkannte Suchterkrankung aufgelistet. Je jünger, desto süchtiger: Vier Prozent der 14- bis 16-Jährigen zeigen Symptome einer Internetsucht, bei den 14- bis 64-Jährigen sind es 1,5 Prozent.
Das wirft Fragen auf: Haben wir das Internet noch unter Kontrolle? Oder werden wir bereits davon kontrolliert?

„Nostalgiker“ werden Menschen spöttisch bezeichnet, die sich bestimmten Trends der Digitalisierung verweigern, und z.B. wie Philipp Multhaupt ein altes Nokia-Handy benutzen: „Am Ende bestimmen sie [Smartphones] wie Tamagotchis gehobener Preisklasse das ganze Leben. Derweil zieht draußen die Landschaft vorbei – und niemand guckt hin.“ Tatsächlich ist der Einfluss des Internets immens: Es treibt die Globalisierung voran, verändert die Arbeitswelt und vernetzt die Völker, soziale Schichten und Klassen weltweit. Alltägliche Handlungen wie Navigation, Urlaubsplanung, Fahrkartenkauf werden von intelligenten Algorithmen unterstützt. Das klingt nach einer praktischen Alltagshilfe.
Dennoch gibt es kritische Stimmen, insbesondere im Hinblick auf die Frühdigitalisierung in Kindergärten und Schulen, wie vom Kinderarzt und Mitglied des Vorstandes des Berufsverbands der Kinderärzte Uwe Büschung. Für Kinder sei die zunehmende Digitalisierung in Kita und Schule eine Gefahr für ihre motorische, sprachliche und kognitive Entwicklung. Bereits 70 Prozent der 2-bis 3-Jährigen nutzen gelegentlich das Smartphone ihrer Eltern. Wer Eltern hat, die sehr viel in ihrer Freizeit online verbringen, leidet oft unter mangelnder Fürsorge, Verhaltensauffälligkeiten, einem geringen Selbstwertgefühl und schlechter Selbstregulation. Dabei bedarf es ausgerechnet selbstregulative Fähigkeiten, um digitale Kompetenz zu entwickeln – Kenntnisse über die Funktionsweise und den richtigen Umgang mit digitalen Geräten, um z.B. getarnte Werbeflächen und versteckte Hyperlinks, sogenannte „Dark Patterns“ zu erkennen.
Diese „Dark Patterns“, welche unsere Aufmerksamkeit fesseln und zu Entscheidungen verführen, stecken beispielsweise im TikTok-Algorithmus. Dieser weist ein besonders hohes Suchtpotential auf: 23,5 Stunden im Monat verbrachten durchschnittlich die Nutzer weltweit auf der Plattform im Jahr 2022. Im selben Jahr war TikTok mit 25,7 Millionen Downloads die beliebteste App weltweit. Sie spricht vor allem Jugendliche von 12 bis 19 Jahren an, unter denen die Hälfte TikTok täglich nutzt. Zwischendurch dient die Plattform zum Zeitvertreib, als Motivation und zur Ablenkung. Besonders amüsante und inspirierende Inhalte werden geschätzt. Zudem bindet die App ihre Nutzer*innen durch eine ausschließlich positive Bewertungsfunktion und durch Teilhabe an TikTok-Challenges.
Das bleibt nicht folgenlos: Bewegungsmangel, Kurzsichtigkeit bereits bei Kindern, Konzentrationsstörungen und Schlafmangel sind häufige gesundheitliche Auswirkungen, die Bildschirmzeit mit sich bringt. Dabei gerät der TikTok-Konsum als Flucht vor alltäglichen Sorgen außer Kontrolle: Die endlose Videoschleife nach persönlichen Vorlieben setzen Nutzer in einen Flow-Zustand. Das schüttet Glückshormone aus, welche motivieren, häufiger die App mit einem Fingertippen zu öffnen und länger auf der Plattform zu bleiben. China hat daraus Konsequenzen gezogen: TikTok soll für Kinder auf maximal 40 Minuten am Tag limitiert werden. In Indien führten die gesundheitlichen Folgen sogar zu einem TikTok-Verbot, welches auch in den USA diskutiert wird. Gleichzeitig versuchen Instagram und YouTube mit der Einführung von kurzen Videos das Erfolgsmodell von TikTok zu kopieren. Teilweise werden hiermit Millionen von Nutzer*innen erreicht.
Was kann also getan werden, um den verlockenden Unterhaltungsvideos zu widerstehen? Es gibt erste Angebote, die sich leicht nutzen lassen. Das Universitätsklinikum Bochum hat z.B. kürzlich ein Online-Portal mit Unterstützungsangeboten für Menschen mit einer krankhaften Nutzung von digitalen Gerätschaften entwickelt. Auf diesem können Internetnutzer*innen einen kostenlosen Selbsttest durchführen und Beratungen von geschulten Psychologen online wahrnehmen. Eine Suchfunktion nach örtlichen Beratungsangeboten bietet der Fachverband für Medienabhängigkeit, welche kostenpflichtige Informationsveranstaltungen über Suchtverhalten anbieten und künstlerische Präventionsprojekte unterstützen.
Wer bei der Suche nach Hilfe auf das Internet verzichten möchte, kann mit einer stationären Verhaltenstherapie in einer spezialisierten Reha seine Internetsucht in den Griff bekommen. Für Kinder und Jugendliche gibt es Angebote, die altersgerecht zugeschnitten sind. Junge Menschen finden außerdem bei der Mediensuchthilfe vom Bundesministerium für Gesundheit eine Beratungsstelle vor Ort. Eltern und Jugendliche können online Fragebögen ausfüllen und wertvolle Tipps zum Umgang mit Medienabhängigkeit einholen. Nach einer Therapie heißt es: Erlernte Verhaltensweisen in den Alltag integrieren, denn eine Suchtanfälligkeit besteht weiterhin. Internetfreie Zeiten und Zonen gemeinsam mit Familie und Freunden helfen bei der Überwindung von Online-Sucht.

Damit es nicht so weit kommt, wird bereits mit Eintritt in die erste Bildungsstätte Suchtverhalten vorgebeugt, in dem auf digitale Lernangebote zugegriffen wird. Auf dem ersten Blick mag es widersprüchlich klingen: Wie kann der Einsatz des Internets die unkontrollierte Bildschirmzeit verringern? Allerdings liegt im professionellen Ausbau digitaler Bildung die Chance, bereits Kinder im Kontakt mit internetfähigen Geräten über Gefahren im Internet, Datenschutz, Algorithmen und Internetsucht aufzuklären. Auf diese Weise wird Medienkompetenz ausgebildet, was mitunter bedeutet, die Kontrolle über das Internet zu behalten: Wie häufig, wie lange und für welchen Zweck das Internet eingesetzt wird, entscheiden weder Algorithmen noch fantastische Spielwelten. Schulinterne Lernplattformen, wie die staatlich geförderte Schul-Cloud, ermöglichen außerdem ein sicheres, eigenständiges und ortsunabhängiges Lernen. Kinder werden gewappnet, um kompetent im häuslichen Umfeld mit digitalen Geräten umzugehen und diese als ein Hilfsmittel statt Suchtmittel zu begreifen.
Internetfähige Geräte erleichtern alltägliche Handlungen, schaffen spielerisches Lernen und brechen globale Grenzen auf. Dabei heißt es, die Vorteile zu nutzen und das Steuer des Internets fest im Griff zu halten. Denn schleichen sich Dark Patterns und Algorithmen unkontrolliert in den Alltag ein, beeinflussen sie unsere Entscheidungen, Bewertungen und unser Verhalten. Das ist mit ein Grund, weshalb das Internet als stressig und zeitraubend empfunden wird. In dem Fall ist es Zeit, etwas zu ändern: Beinah die Hälfte der Internetnutzer*innen in Deutschland hat schon einmal bewusst alle digitalen Geräte ausgeschaltet, um zur Entspannung und zum echten Austausch mit Menschen zurückzukehren. Während des sogenannten „Digital Detox“ kann sich der der analogen, „echten“ Welt gewidmet werden. Gelingt dies nicht, unterstützen Beratungsstellen und Suchttherapeuten, das Steuer in der Welt des Internets wieder bedacht zu lenken. Dafür muss keiner den radikalen Weg wie Philipp Mulhaupt gehen und sich ein altes Nokia zulegen.
Maj-Britt Klages