Workaholism – „Kenn dein Limit“

Abb. 1: Eigene Zeichnung, angelehnt an die Kampagne BZgA

Nicht erst seit dem Twitter-Aufschrei unter dem Hashtag #ichbinhanna werden die Arbeitsbedingungen und Berufsaussichten für Lehrende an Universitäten kritisiert. Promovierte Wissenschaftler:innen hangeln sich oft jahrelang von befristeter zu befristeter Stelle im Mittelbau, bis sie eine Professur erlangen oder, zwangs Wissenschaftszeitvertragsgesetz, nach 12 Jahren aus dem System fliegen.

Der Druck kontinuierlich akademische Ziele zu erreichen und dabei Verwaltungsaufgaben und Lehre mit unter einen Hut zu bringen, führt an vielen Stellen im universitären Umfeld zu einem erhöhten Arbeitspensum und starkem Stress. Diese Belastung hat aufgrund von Personalabbau und steigenden Anforderungen im Hochschulbereich in den letzten Jahren sogar noch zugenommen. Ersichtlich ist das, durch die Zahl der Studierenden in Deutschland, die in den Jahren zwischen 2000 und 2016 um fast 50% zugenommen hat. Unlängst kommen noch die Herausforderungen der Corona-Pandemie dazu, wie zum Beispiel das Gestalten guter Online-Lehre oder fehlende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. 

Aufgrund dieser steigenden Belastungen und einem fehlendem Ressourcen-Ausgleich, rücken aktuell verstärkt die Folgen dieser Entwicklung in den Vordergrund: zum Beispiel Burnout. Untersuchungen von Watts und Robertson in England haben schon im Jahr 2011 ergeben, dass das Ausmaß von Burnout und Workaholism bei Hochschullehrern vergleichbar ist mit den anderen pädagogischen und medizinischen Berufen. Die Arbeitszufriedenheit sei im univeristären Bereich zwar überdurchschnittlich hoch, gleichzeitig ist jedoch auch das Stressempfinden und die Burnout-Quote relativ stark Laut Vera et al. (2010) steigt die Zahl unsicherer Jobs an englischen Universitäten kontinuierlich an. Das führe dazu, dass die Akzeptanz für erhöhte Arbeitsbelastung bei akademischem Hochschulpersonal ebenfalls wachse. Bestätigt wird dies durch Tytherleigh et al. (2005): In einer Querschnittsstudie englischer Universitäten wurde die Unsicherheit des eigenen Arbeitsplatzes, nach Angaben der Lehrenden, als größte psychische Belastung identifiziert. Die Anzahl Studien zu der Thematik an deutschen Hochschulen ist vergleichsweise schwach ausgebildet.

Um auf dieses Thema näher einzugehen, haben wir im Rahmen eines Seminars der Universität Potsdam zwei Gruppendiskussionen durchgeführt. Unsere Stichprobe bestand aus insgesamt 2 unbefristeten Professuren, beide hatten Kinder im erwachsenen Alter, 3 Personen mit unbefristeten Stellen im akademischen Mittelbau, zwei mit jeweils zwei jüngeren Kindern und 1 Person mit einer Stipendium-finanzierten Doktorandenstelle. Aus der Analyse der Diskussionen haben wir Gruppen geformt, die sich hinsichtlich ihrer Motivation und Aufnahme von verhältnismäßig viel Arbeit und gefühltem Stress unterscheiden.

Die Leidenschaftlichen

Die Leidenschaft zur Arbeit ist uns in unseren Diskussionen besonders in Auge gestochen. Hier haben wir unsere erste Gruppe geformt: die Leidenschaftlichen.

Diese haben eine ausgeprägte, emotionale Bindung zum Beruf. Man erkennt das Herz bei der Sache: Sei es das belebende Gefühl, wenn ein Ziel erreicht oder eine Entdeckung gemacht wurde. Aber auch Stunden am Stück ohne Pause zu arbeiten, weil das Forschungsthema so spannend ist. Im Gegensatz zu den anderen benannten die Leidenschaftlichen explizit, , wie viel Spaß und Erfüllung sie in ihrer Arbeit finden, dass sie von ihrer intrinsischen Motivation geleitet werden und auch wie dankbar sie sind, diesen Beruf ausüben zu können.

Es stellte sich heraus, dass sie stetig an der weiteren Erkenntnisgewinnung arbeiten und vor allem arbeiten wollen. Dabei ist es für sie oftmals unwichtig, wann oder wie lange sie sich dafür an den Schreibtisch setzen. Für sie zählt eher der „Flow“, also eine Art Rausch, in der für die Personen alles außer ihre derzeitige Aufgabe irrelevant wird. Zwar gibt es auch für die Leidenschaftlichen die alltäglichen Strukturen, wie ins Büro zu fahren, nach Hause zu kommen, Aufgaben im Haushalt zu erledigen oder sich einen Tag Auszeit zu nehmen. Jedoch liegt ihre Motivation zu einem großen Teil in ihrer Arbeit.

Die Leidenschaftlichen lassen sich von ihrer wissenschaftlichen Neugier leiten, was jedoch nicht bedeutet, dass sie keinen Druck verspüren. Auch sie stehen teils unter enormen Erwartungen, dass Routineaufgaben erfüllt werden und Deadlines eingehalten werden müssen. Dazu kommen teils noch hochschulpolitische Aufgaben. Manche Aufgaben werden also von Herzen gerne erledigt, andere wiederum müssen einfach abgearbeitetwerden. Erstere fallen gerade bei Personen mit jüngeren Kindern eher weg, da die ‚Pflichtaufgaben‘ und die Kinderbetreuung bereits den Tag füllen.  Trotz dessen fällt die Forschung nicht unter den Tisch. Im Gegenteil – hierdurch entstehen teilweise die ‚extra‘ Stunden, da neben Dingen, die erledigt werden müssen, der Wille zu forschen enorm hoch ist.

„[…] also ist positiv besetzt. Man ist nicht so entfremdet von der Arbeit (..) un::d deswegen kann Arbeit in der Wissenschaft eigentlich auch so viel Spaß machen, weil man sich mit Themen beschäftigen darf ähm beschäftigt, auf die man auch sonst Lust hat.“

Diskussionsausschnitt 1

Das Verb „darf“ drückt aus, dass sie es fast als Privileg sehen sich mit (selbst)gewählten Themen auseinandersetzen zu dürfen. Es ist keine Selbstverständlichkeit und sie drücken ihre Dankbarkeit darüber aus, Teil der Wissenschaft zu sein:

„[…] wenn man:: äh::m etwas (.) auch gefunden hat, ja was man gut beherrscht, dann stellt sich nicht so diese Frage so sehr nach der der Work-Life-Balance, glaub ich ähm weil dein Work ist irgendwie auch dein Leben […]“

 Diskussionsausschnitt 2

Die Leidenschaftlichen betonen mehrfach, dass sie nicht das Bedürfnis haben, ihre Arbeit in ihrer Freizeit ausgleichen zu müssen. Die Freizeit ist eher zur Erholung da, um während der Arbeit einen klaren Kopf haben zu können. Sie sehen ihre Arbeit nicht als Last, sondern als Chance: „dein Work ist irgendwie auch dein Leben“ (Diskussionsausschnitt 2). Auch außerhalb unserer Gruppendiskussion findet man gerade unter Wissenschaftler*innen die Diskussion, dass Work und Life im Grunde dasselbe bedeutet (vgl. Schermund 2020) Für die Gruppe der Leidenschaftlichen ist ihre Arbeit ihre Motivation, ja ihre Leidenschaft. Aus diesem Grund haben sie nicht das Bedürfnis, eine Work-Life-Balance zu schaffen.

„[…] also wenn mir jemand sagt, ich arbeite viel, ja natürlich, warum denn auch nicht, was spricht denn dagegen? […]“

Diskussionsausschnitt 3

Sie arbeiten an einer Sache, die ihre Leidenschaft geweckt hat. Sie möchten Erkenntnisse gewinnen und sich weiterbringen und sehen die Erschöpfung auch als etwas Schönes. Neues zu erforschen und Neues herauszufinden ist eine Belohnung.

Die Pragmatischen

Die Pragmatischen arbeiten viel und sind sich dessen auch bewusst, ähnlich wie unsere Leidenschaftlichen. Es scheint momentan keinen überzeugenden Anlass zu geben, daran etwas zu ändern. Arbeit verdrängt private Aufgaben immer häufiger. Zudem werden öfter mal privat anfallende Tätigkeiten von einer zusätzlichen, arbeitsbezogenen Aufgabe verdrängt. Die Vorbereitung des nächsten Arbeitstags hat also an vielen Stellen oberste Priorität und wird vorgezogen.

Was die Pragmatischen in unserer Diskussionsrunde darüber hinaus zu verbinden scheint, ist eine nicht planmäßige Karrierelaufbahn. Vielmehr war der Weg von einigen Umwegen geprägt und die jetzt ausgeführte Stelle war wahrscheinlich nicht unbedingt das ursprüngliche Ziel. Trotzdem konnten bemerkenswerte Positionen erreicht werden. Sielernten gut mit Rückschlägen umzugehen, diese zu überwinden und ließen sich davon nicht in ihrer heutigen Arbeitsmotivation beeinträchtigen.

Was wäre also wenn, sich ein Pflichtgefühl dem Beruf gegenüber entwickelt hat, sodass obwohl nicht alle persönlichen Interessen im Job erfüllt sind, der eigene Arbeitsaufwand weit über die Pflichten hinaus geht?  . Durch eine hohe Qualität der eigenen Arbeit entwickelt sich ein persönliches Zufriedenheitsgefühl, ein Grund, immer wieder viel zu investieren. Anders als bei den Leidenschaftlichen macht der Job hier nicht die Lebensidentität aus, erfüllt jedoch trotzdem einen großen Teildes Lebens. Vielleicht kann also gesagt werden, dass das Erlangen und die Wahl des jetzigen Jobs eine eher pragmatische waren, die Arbeitsweise und die Art wie die Aufgaben erfüllt werden, sind jedoch intensiv und gewissenhaft. 

Neue Erkenntnisse stehen hier nicht im Spotlight, sondern vielmehr die Weitervermittlung von gewonnenem Wissen. Hinzu kommen die Arbeit und der Austausch mit jungen Erwachsenen.

„[…] Und wenn man das kann und wenn man das, also wenn man das machen darf, dann ist das schon wirklich auch ein Geschenk, weil man tatsächlich den, den im Hörsaal sitzen dann vielleicht irgendwie ein bisschen mehr vermitteln kann als nur über so eine Person, so einen Bildschirm. Also man kann wirklich in den Austausch treten […]“

Diskussionsausschnitt 4

Hier lässt sich erkennen, dass das Interesse, was von den Studierenden gegenüber der Lehrveranstaltung entsteht und ein sich entwickelnder Dialog hier wohl als die Kirsche auf der Sahne darstellt. Auch hier scheint mit dem Verb „darf“ ein Privileg ausgedrückt zu werden. Allerdings als die Chance, anderen Wissen vermitteln zu dürfen.

Die Katalysatoren für freiwillige Überstunden sind also, neben einem ausgeprägten Pflichtgefühl und Überzeugung vom Job in der Wissenschaft, auch Spaß an der Arbeit und der Austausch mit Studierenden, woraus obendrein ein gutes Feedback entstehen kann:

„[…] Und sie bleiben trotzdem da. Und man hat den Eindruck , dass das, dass man irgendwie ankommt. Ja, das ist, das ist tatsächlich auch ein schönes, schönes Feedback und da zieh ich, da zieh ich tatsächlich auch was raus. […]“

Diskussionsausschnitt 5

Warum überarbeiten wir uns in der Wissenschaft also freiwillig? Die Gruppe der Pragmatischen würde hier wahrscheinlich antworten: Weil wir unseren Job zwar machen müssen, aber vor allem weil wir ihn mögen und ihn gut machen wollen. In Bezug auf den Lehraspekt haben wir die Möglichkeit junge Erwachsene zu prägen. Durch den Austausch mit ihnen spüren wir ihr Interesse was uns anspornt, mehr als nötig in die Vorbereitung zu investieren. Mögliches positives Feedback ist eine Bestätigung dafür, dass sich die viele Energie lohnt.

Die Effizienten

Die Effizienten haben für ihre Anzahl an Arbeitsstunden andere Gründe als beispielsweise die Leidenschaftlichen. Hierbei ist festzuhalten, dass die Effizienten nicht der Meinung sind, dass sie überarbeitet sein könnten. Ganz im Gegensatz zu den Leidenschaftlichen und Pragmatikern, die ihre Überarbeitung oftmals benennen und teilweise diese als “in Ordnung”, “nicht in Ordnung” einkategorisieren:

“Deswegen bin ich so ein Effizienz-Fan […] Wir haben 450 [Studierende in unserem Bereich] und sind demnächst 3 Professorinnen und Professoren dafür. Also da muss man schon ein bisschen effizient sein. […] Tatsächlich lebe ich für meine Arbeit und mein privates Umfeld findet das auch manchmal kritisch.” 

Diskussionsausschnitt 6

In der Gruppe der Effizienten lässt sich nicht erkennen, ob Druck und Stress eine große Rolle im Arbeitsalltag spielen. Die Arbeit scheint grundlegend eine gewisse Leichtigkeit zu haben. 

Insgesamt steht die erbrachte Leistung im Vordergrund. Es wirkt, als gäbe es einen Plan wie der Tag, die Woche, die nächsten Monate aussehen. Sowohl Lehrveranstaltungen, Treffen mit Mitarbeitern, Schreibzeiten als auch unsere Diskussionsrunde scheinen einen gewissen Zeitrahmen zu haben, welcher dann konsequent durchgetaktet ist. Somit steht der Effiziente für uns fast im Gegenteil zum Bild des “zerstreuten Wissenschaftlers”. So ließ sich auch in unserem Gespräch eine eigene Außenperspektive und Abgrenzung gegenüber anderen Wissenschaftler*innen erkennen (Vermeidung eines ‚wir‘s und Analyse von Kolleg*innen):

„was Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ja zu eigen ist ist eine natürliche Zurückhaltung (Allgemeines Lachen)“

Diskussionsausschnitt 7

Im Gegensatz zu den anderen beiden Gruppen bekommen wir wenig Einblick in die wirkliche, tieferliegende Motivation der eigenen Arbeit. Es scheint gar nicht unbedingt eine tiefe Identifikation mit der Wissenschaft zu geben und wir erkennen eine Trennung zwischen Arbeits- und Privatperson.  

So lässt sich an dieser Stelle fast eine Überschneidung von Wissenschaft und Wirtschaft feststellen. Unsere Vermutung istdass die Effizienten in anderen, beispielsweise wirtschaftlichen Bereichen, auchErfolg gehabt hätten. Wir vermuten eine Identifikation mit und Freude an der Arbeit, aber keine ausgeprägte Verpflichtung gegenüber der Wissenschaft an sich. 

Der Effiziente ließ sich also als weitere Gruppe im Gegensatz zu den Leidenschaftlichen und Pragmatischen feststellen, da die Motivation der Arbeit einen anderen Ursprung hat. Die Struktur und Effizienz stehen über der Leidenschaft, welche nicht ausgeklammert, aber nicht der primäre Bestandteil der Arbeit ist.

Fazit

Wie Sie lesen konnten, gibt es auch in der Wissenschaft verschiedene Arbeitsmotivationen. Die Limitation unserer vorliegenden Arbeit liegt in der Größe des Samples. Die Arbeit hat in einem Vertiefungsseminar der Universität Potsdam stattgefunden und dient als Übung qualitativer Methoden. Somit ist die Analyse als Herantasten und vorsichtige Interpretation zu bewerten. 

Wir danken allen anonymen Teilnehmenden ganz herzlich für den gewährten Einblick in Ihre Arbeit!

Luise Fuhrhop, Leonard Haselhuhn, Francesca Poletzky, Janne Wünsche

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