Die Zukunft der Arbeit: Wie Automatisierung den Arbeitsmarkt verändert

Seit über 10 Jahren arbeitet Max als Kundendienstberater in einem Tele­kommunikationsunternehmen. Er liebt es, den Kunden bei ihren Anliegen zu helfen. Die Interaktion mit den Kunden war ein großer Grund, weshalb sich Max für diesen Job entschied.

In letzter Zeit hat sich jedoch vieles verändert. Um den Kundenservice zu optimieren, hat das große Unternehmen zahlreiche Automatisierungsmaßnahmen eingeführt. Max war anfangs zuversichtlich, dass ihm die Maßnahmen helfen würden, mehr Zeit für die individuelle Kundenberatung zu haben. Damals hatte er den großen Feind seiner Tätigkeit noch nicht erkannt: automatisierte Chatbots. Kundenanfragen werden nun von KI-gesteuerten Programmen übernommen und bearbeitet. Max hatte viel weniger Aufgaben und oft wenig zu tun.

Mit dem Fortschritt der Automatisierung wurden immer mehr Kolleg*innen entlassen. Auch seine Lieblingskollegin Sara war betroffen. Das Unternehmen behauptete, die Kosteneinsparungen durch die Automatisierung wären notwendig, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Für Max und die verbliebenen Kolleg*innen war die Situation jedoch nicht einfach. Vor allem die langjährig Beschäftigten hatten große Schwierigkeiten, in anderen Bereichen eine Tätigkeit aufzunehmen. Max spürte den Verlust der sozialen Kontakte innerhalb des Unternehmens sehr. Die Kolleg*innen, die er fast täglich gesehen hatte, sind plötzlich nicht mehr da. Die Arbeitsatmosphäre verschlechterte sich und Max fühlte sich isoliert. Die Vorteile der Automatisierung waren Max zwar bekannt, aber die Sorgen um seine berufliche Zukunft überwiegt. Es ging alles so schnell. So schnell, dass er große Angst hat, dass es bald keine Jobs mehr, wie diesen geben würde.

Max‘ Geschichte ist zwar fiktiv, jedoch nicht unwahrscheinlich. Sie illustriert das Spannungsfeld zwischen den Vorteilen und Herausforderungen der Automatisierung. Während automatisierte Systeme dazu beitragen können, Prozesse zu optimieren und Effizienz zu steigern, birgt dieser Wandel auch Unsicherheit und Ängste in Bezug auf den Verlust von Arbeitsplätzen, sozialer Isolation und die Zukunft der Arbeit im Allgemeinen.

69 Millionen Jobs entstehen, aber 83 Millionen könnten verschwinden

Von den technologischen Fortschritten bleibt auch die Arbeitswelt nicht verschont. Die schnelle Entwicklung der Automatisierung, Robotik und künstlichen Intelligenz in den letzten Jahren haben den Arbeitsmarkt stark verändert. Neben den Vorteilen und der Effizienzsteigerung in vielen Bereichen, sorgen die Folgen in der Bevölkerung für mehr Kopfschmerzen als Erleichterung. Denn laut dem Handelsblatt gaben in der „Umfrage der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG)“ in Deutschland knapp 40 % der Befragten an, dass ihr Job durch KI in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr existieren wird. Viele Berufsgruppen fürchten die Zukunft ihrer Jobs. Ein großer Punkt in diesem Diskurs behandelt die Frage, welche Tätigkeiten nun von Maschinen und der Automatisierung verdrängt werden könnten und welche nicht. Hier wird zwischen automatisierungs-gefährdeten und automatisierungsresistenten Berufen unterschieden.

Dass es zu Veränderungen im Arbeitsmarkt durch den digitalen Fortschritt kommen könnte, erklärt sich schon fast von selbst. Die Frage ist jedoch, wie groß diese sein werden. Das Future of Jobs Report 2023 vom Weltwirtschaftsforum (WEF) sagt voraus, dass in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Energie, Landwirtschaft, Gastronomie, Hotellerie und Medien sowie in der öffentlichen Verwaltung 69 Millionen neue Jobs entstehen werden, aber gleichzeitig 83 Millionen Jobs verschwinden könnten. Dabei haben vor alle Digitalisierungs- und Technologieunternehmen aber auch Firmen, die im Umweltschutz und für die Energieversorgung Produkte herstellen, Wachstumspotenzial haben. Andere Branchen stehen vor erheblichen Herausforderungen und Umstrukturierungen (z.B. Unterhaltung). Die Schere zwischen den automatisierungsgefährdeten und automatisierungsresistenten Berufen verdeutlicht, wie Bildung und Weiterentwicklung entscheidende Faktoren sind, um in einer sich wandelnden Arbeitswelt relevant zu bleiben. Die WEF-Geschäftsführerin Saadia Zahidi bittet die Regierung und die Unternehmen, die Veränderungen in den Bereichen, durch die richtige Investitionen zu unterstützen und den Betroffenen so zu helfen. Sie appelliert: der Mensch steht im Zentrum der Zukunft der Arbeit.

Besonders betroffen werden die Jobs an der Kasse, bei der Dateneingabe oder in Sekretariaten sein. Die größte Veränderung wird es demnach in dem Bereich Medien und Unterhaltung geben. Hier könnten 32 % der Jobs verschwinden. In der Gastronomie und Hotellerie werden es hingegen „nur“ 16 % sein.

Was sagen Expert*innen?

Britta Matthes leitet die Forschungsgruppe „Berufe in der Transformation“ am IAB in Nürnberg. Sie betont, dass Berufe mit klaren und regelbasierten Abläufen eher von der Automatisierung betroffen sind, während Berufe, die menschliche Interaktion, Empathie und Kreativität erfordern, weniger anfällig sind. Es ist wichtig, dass Arbeitnehmer*innen ihre Fähigkeiten an die sich verändernde Arbeitswelt anpassen. Die Automatisierung betrifft Jobs wie Fehlersuche, Dateneingabe und Qualitätsmanagement, während Berufe wie Softwareentwickler und Vertriebler weniger betroffen sind. Sie betont auch, dass es selten ist, dass ein Beruf komplett verschwindet, und der Mensch somit nicht vollständig ersetzt wird. Die Einführung von Automatisierung könne zu höherer Produktivität führen, jedoch mit weniger Arbeitskräften. Dies könnte wiederrum zu höheren Löhnen für bestimmte Arbeitsbereiche und Einkommensverlusten für andere führen. Es gibt auch Sektoren, wie den Dienstleistungsbereich, die mehr Arbeitsplätze erwarten, aber aufgrund der Art der Aufgaben von der Automatisierung weniger profitieren können.

OpenAI, eine der führenden Forschungsorganisationen, im Gebiet der Entwicklung und Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz (KI) hat selbst in Zusammenarbeit mit OpenResearch und der Universität Pennsylvania eine Studie zum Thema „GPTs are GPTs: An Early Look at the Labor Market Impact Potential of Large Language Models“, zu Deutsch „GPTs sind GPTs: Ein erster Blick auf das potenzielle Auswirkungspotenzial großer Sprachmodelle auf den Arbeitsmarkt“ durchgeführt. Die Studie untersucht die Auswirkungen von Automatisierungstechnologien auf den Arbeitsmarkt und diskutiert die potenziellen Risiken von Arbeitsplatzverlusten. Es werden verschiedene Ansätze zur Schätzung der Überlappung zwischen KI-Fähigkeiten und den Aufgaben und Tätigkeiten, die von Arbeitnehmern in verschiedenen Berufen ausgeführt werden, untersucht. Die Ergebnisse sind deutlich. Etwa 80% der US-amerikanischen Arbeitskräfte könnten mindestens 10% ihrer Arbeitstätigkeiten dank KI-Technologien verlieren. Etwa 19% der Arbeitnehmer könnten sogar mindestens 50% ihrer Aufgaben an die Automatisierung abgeben müssen. Die Studie betont zudem die hohe Notwendigkeit von Bildung, Weiterbildung und Reformen der sozialen Sicherungssysteme als mögliche politische Maßnahmen, um den Übergang zu einer Wirtschaft mit weit verbreiteter KI-Adoption zu erleichtern. Die Studie zeigt auch positive Prognosen für die Zukunft. So können LLMs (Larg Language Models) neue Möglichkeiten für die Automatisierung von Aufgaben eröffnen, die bisher schwierig oder teuer waren. Das könnte die Effizienz und Produktivität in verschiedenen Branchen steigern. Darüber hinaus könnten LLMs auch neue Arbeitsmöglichkeiten schaffen, indem sie die Entwicklung und Implementierung von KI-Technologien vorantreiben und neue Berufe und Tätigkeitsbereiche schaffen. Die Auswirkungen von LLMs auf den Arbeitsmarkt sind laut der Studie komplex und können sowohl positive als auch negative Aspekte beinhalten.

Auch die Studie „The Potentially Large Effects of Artificial Intelligence on Economic Growth (Briggs/Kodnani)“ von der Goldman Sachs Group (Economics Research) betont die starke Beeinflussung der KI auf den Arbeitsmarkt. Die damit einhergehenden starken Veränderungen könnten zu Arbeitsplatzverlust führen. Die Einführung von generativer künstlicher Intelligenz (KI) hat das Potenzial, bis zu einem Viertel der aktuellen Arbeitsaufgaben zu automatisieren, was etwa 300 Millionen Vollzeitstellen der Automatisierung aussetzen könnte. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die meisten Arbeitsplätze und Branchen nur teilweise der Automatisierung ausgesetzt sind und eher durch KI ergänzt als ersetzt werden. Historische Präzedenzfälle zeigen, dass technologische Innovationen neue Berufe geschaffen und das Gesamteinkommen erhöht haben, was wiederum die Nachfrage nach Arbeitskräften in anderen Bereichen wie Gesundheitswesen, Bildung und Gastronomie erhöht hat.

Es wird erwartet, dass die Kombination aus Kosteneinsparungen bei der Arbeit, der Schaffung neuer Arbeitsplätze und einer Produktivitätssteigerung für nicht verdrängte Arbeitnehmer zu einem Produktivitätsboom führen könnte, der das Wirtschaftswachstum erheblich steigert. Schätzungen zufolge könnte generative KI das jährliche Wachstum der Arbeitsproduktivität in den USA über einen Zeitraum von 10 Jahren um knapp 1,5 Prozentpunkte erhöhen, und der Anstieg der globalen Arbeitsproduktivität könnte das jährliche globale BIP letztendlich um 7% steigern.

Ausblick

Die Automatisierung und der Einsatz von künstlicher Intelligenz werden zweifellos den Arbeitsmarkt beeinflussen. Es gibt sowohl positive als auch negative Auswirkungen. Nicht alle Berufe sind gleichermaßen gefährdet, und die Anpassungsfähigkeit der Arbeitnehmer ist entscheidend. Es wird erwartet, dass sowohl Jobverluste als auch neue Arbeitsplätze entstehen. Regierungen und Unternehmen sollten den Übergang unterstützen und in Bildung und Weiterbildung investieren. Eine ausgewogene Betrachtung und aktive Gestaltung des Wandels sind wichtig, um die Vorteile zu nutzen und die negativen Auswirkungen zu mildern. Darüber hinaus können Automatisierungstechnologien die Produktivität steigern und die Effizienz in verschiedenen Branchen erhöhen. Dies kann zu einem Wirtschaftswachstum führen und neue Arbeitsplätze in Bereichen wie Programmierung, Robotik und Datenanalyse schaffen.. Durch Weiterbildung können  sich Arbeitnehmer auf die sich verändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes einstellen und von den neuen Möglichkeiten profitieren, die die Automatisierung mit sich bringt. Insgesamt ist es wichtig, die Automatisierung aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Obwohl sie einige Arbeitsplätze beeinflussen kann, eröffnet sie auch neue Perspektiven und trägt zur Weiterentwicklung der Arbeitswelt bei. Wir sollten aktiv daran arbeiten, diese Veränderungen zu gestalten und sicherzustellen, dass Arbeitnehmer die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um erfolgreich in einer zunehmend automatisierten Welt zu sein.

Elif Kücükoglu

Hinterlasse einen Kommentar

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close