In einer Zeit, in der Online-Plattformen starken Einfluss auf unser tagtägliches Leben nehmen, scheint es unvermeidbar, dass Gefühle und Emotionen von ihnen kontrolliert werden. Kaum werden Apps wie Instagram, Snapchat oder TikTok geöffnet, springen einem Fotos und Videos von sozialen Events, Festivals, Konzerten, Partys, aber auch Treffen mit Freund*innen oder Verwandten entgegen. Nicht selten kann dies Ängste auslösen, durch die Nichtteilnahme etwas zu verpassen. In der Wissenschaft wird hierfür seit ungefähr 20 Jahren die Bezeichnung „fear of missing out“ (kurz: FOMO) verwendet. Sie tritt vor allem dann auf, wenn wir durch sozialen Ausschluss negative Konsequenzen erwarten.
FOMO kann unterschiedlich auftreten, zum Beispiel während eines kurzen Gesprächs aber auch als eine Art Dauerzustand, begleitet von wachsenden Empfindungen von Isolation und Frustration. FOMO beruht auf zwei miteinander verknüpften Prozessen: Viele Menschen, die digitale Medien intensiv nutzen, haben die Wahrnehmung etwas Wesentliches zu versäumen; dies verknüpft sich teils mit zwanghaftem Verhalten, um bestimmte, wünschenswerte soziale Verbindungen aufrechtzuerhalten. Der soziale Aspekt von FOMO kann also als ein Streben nach Verbundenheit verstanden werden, dass sich in dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit ausdrückt und in der Errichtung von stabilen zwischenmenschlichen Beziehungen seinen Ausdruck findet. Nach einer aktuellen Studie, in welcher Erwachsene zu ihren Erlebnissen mit FOMO befragt wurden, gaben nur 13% der Personen an, noch nie FOMO erlebt zu haben. Hingegen betrifft das Phänomen 15% der Befragten mindestens einmal in der Woche und mehr als ein Drittel mindestens einmal im Monat. Dabei haben Alter und Geschlecht nur einen kleinen Effekt auf diese Empfindungen. Aber woher genau kommt dieses Gefühl des Ausschlusses?
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit spielt nach Erkenntnissen der Sozialpsychologie im Alltagsleben eine große Rolle. Hier wird immer wieder von einem „need to belong“ gesprochen, demzufolge alle Menschen nach regelmäßigen, affektiv positiven Interaktionen streben. Evolutionär entwickelte sich das Zugehörigkeitsbedürfnis als eine Art Schutzmechanismus bzw. zur Überwindung von Stress und Frust. Der „need to belong“ hat Auswirkungen auf unser Verhalten, sowie unsere Gesundheit. Wird er vernachlässigt oder nur teilweise befriedigt, zum Beispiel durch sozialen Ausschluss, kann dies zu Einsamkeitsgefühlen bis hin zu Depressionen, emotionaler Taubheit sowie einer Beeinträchtigung der Selbstregulation führen. Ähnliche Symptome löst die „fear of missing out“ bei Betroffenen aus. Was ist hier jedoch besonders?
Möglichst immer Up-to-date zu sein ist heutzutage so einfach wie nie zuvor. In nur kurzer Zeit können wir uns unzähligen Informationen aussetzen, unabhängig davon, wie relevant sie für uns sind. Speziell sind soziale Medien hierfür essentiell, da sie die wichtigste Quelle für das Aufkommen von FOMO darstellen, sind doch hier Illusionen von perfekten Lebensgeschichten allgegenwärtig. Dies kann dazu führen, dass wir unsere eigenen Erfolge und Verhaltensweisen herabsetzen, wodurch das anhaltende Gefühl entsteht, nicht den eigenen Standards zu genügen. Somit ist es keine Überraschung, dass die psychische Gesundheit vieler User*innen durch FOMO stark belastet wird. Durch die Furcht ausgeschlossen zu sein oder nicht teilnehmen zu können, werden Menschen dazu gedrängt, sich permanent mit anderen zu messen. Die unerreichbaren Standards, die auf Social-Media-Plattformen präsentiert werden, können das Gefühl vermitteln, im eigenen Leben versagt zu haben. Diese unrealistischen Maßstäbe haben nicht nur Auswirkungen auf unsere Online-Präsenz, sondern können auch das Selbstwertgefühl derjenigen, die sie betrachten, erheblich beeinträchtigen. Die Bewältigung solcher Einsamkeits- und Frustrationsempfindungen geht oftmals mit dem Wunsch einher, vermeintlich Versäumtes unmittelbar auszugleichen. Das kann zu einem ungesunden Umgang mit sozialen Medien und einem übermäßigen Konsum führen. Es ist ein Teufelskreis. Diesen Einfluss haben soziale Medien vor allem durch ihre Algorithmen, die so programmiert werden, dass Konsumierende möglichst viel Zeit auf den Plattformen verbringen.
Passend hierzu zeigt eine belgische Studie, dass ein exzessiver Konsum der sozialen Medien zu einer instabileren Emotionskontrolle, sowie sinkende Gewissenhaftigkeit und Selbstkontrolle führt. Jene Anzeichen können Indikatoren für affektive Störungen (pathologische Veränderung der emotionalen Verfassung) wie beispielsweise Depressionen oder Manie sein. Dies ist jedoch nicht alles. Ein ungesunder Schlafrhythmus aufgrund anhaltender Insomnie kann ebenfalls durch erhöhte Handynutzung bzw. einer intensiven Aussetzung von Blaulicht durch die Bildschirme zustande kommen.
FOMO führt oftmals jedoch nicht nur zu einem Konflikt mit der eigenen Person, sondern erreicht darüber hinaus auch die eigenen Mitmenschen. Bereits die persönlichen Einschränkungen, die FOMO auslöst, können zur Belastung sozialer Beziehungen werden. Das exzessive “Nichts-Verpassen-Wollen” und die Unsicherheit, auch sicher den spannendsten Abend zu erleben, kann die Freude an Erlebnissen drosseln, die beispielsweise auf Instagram nicht genau so interessant aussehen würden. Der Druck, den Menschen durch diese Unsicherheit verspüren, kann sich dann auch in Anspannung und Frustration anderen Personen gegenüber zeigen, was wiederum die Beziehung zu ihnen belasten kann. Auch vorhandene Beziehungen können durch FOMO beeinflusst werden. So werden oft viele aufeinanderfolgende Erlebnisse mit unterschiedlichen Menschen priorisiert, wodurch eher oberflächliche Verbindungen entstehen.

Was können wir nun also tun, um unsere FOMO zu reduzieren? Aus den sozialen Medien komplett aussteigen? Eine konsequente, aber vermutlich kaum umsetzbare Lösung in den heutigen Zeiten. Obgleich das Reduzieren der Zeit, die man damit verbringt, online nachzuschauen, was andere Menschen zum gleichen Zeitpunkt machen, natürlich helfen würde. Für diesen Aspekt des sozialen Miteinanders steht auch die Gegenbewegung zur “fear of missing out” mit dem ähnlichen Namen “joy of missing out” (kurz: JOMO), was mit der “Freude am Verpassen” übersetzt werden kann. Hierfür werden besonders Zeit mit sich selbst und der anteilige Rückzug aus der Scheinrealität der sozialen Medien priorisiert, um den Vergleich mit anderen zu reduzieren und somit die eigenen Bedürfnisse wieder mehr wahrzunehmen. Ebenso wichtig sind soziale Kontakte wie Freunde und Familie. Um auch hier besser damit umzugehen, nicht bei jedem Konzert oder jedem Bar-Abend dabei zu sein, kann es helfen, sich vor allem auf existierende Freundschaften zu konzentrieren und diese zu vertiefen, anstatt ein Ansammeln neuer Kontakte in den Vordergrund zu rücken. Relevant ist auch, sich immer wieder bewusst zu machen, dass soziale Medien sehr selektiv sind und oft nur die spannendsten und besten Lebenssituationen geteilt werden. Das sollte uns dabei helfen, besser mit FOMO umzugehen und die kleinen Momente wieder schätzen zu können, die wir auch außerhalb der digitalen Welt erfahren können.

Annica-Marie Lüdecke, Michelle Ernst