Ein bis zwei Tage in der Woche im Homeoffice: Das ist spätestens seit der Coronapandemie in vielen Branchen eine gängige Forderung von Berufstätigen. Aber wie ist es wirklich, wenn man onlinebasiert und ortsunabhängig arbeitet und wo und wie kann man das eigentlich machen? Es gibt verschiedene Formen der ortsunabhängigen Arbeit wie z.B. die sogenannte Cloudwork. Das Arbeitswelt Portal definiert Cloudwork als „online vermittelte Tätigkeiten, die auf digitalem Weg und damit […] ortsungebunden ausgeführt werden“. Auch die sog. Gigwork fällt in diese Kategorie, bei der kurzfristig zeitlich befristete oder einmalige Aufträge an selbständig tätige Personen vermittelt werden. Die Crowd, die Individuen, formelle oder informelle Gruppen, Organisationen oder Unternehmen sein können, entscheiden per Selbstselektion über die Teilnahme und übernehmen im Anschluss die Bearbeitung der Aufgabe. Der Abwicklungs- und Interaktionsprozess erfolgt dabei ausschließlich über IT-gestützte Plattformen wie zum Beispiel Upwork, Clickworker, Heimarbeit oder Amazon Turk Work.
Doch wer steckt hinter dieser Crowd in Deutschland? Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung, in der 710 Plattformarbeiter:innen in Deutschland befragt wurden, hielten 67% der befragten Cloudworker:innen fest, dass sie mit dem mobilen Arbeiten einen Zeitgewinn verbinden. Jedoch gaben 51% an, dass das mobile Arbeiten dazu führt, dass sie auch mehr arbeiten. Bezüglich des Einkommens hält die Studie fest, dass mehr als die Hälfte der befragten Cloudworker:innen (61%) zwischen null und 400 Euro (netto, abzüglich Steuern) als monatliches Einkommen mit der Plattformarbeit erzielen. Gerade einmal 9% verdienen mehr als 1.500 Euro netto. 59% aller Plattformarbeiter:innen (Cloud- und Gigwork) sind nach eigenen Angaben mit ihren Plattformanbietern zufrieden.
Die drei wichtigsten Vorteile der Plattform sind: ein netter Nebenerwerb, die zeitliche Flexibilität und die Unabhängigkeit. Bezüglich der sozialen Absicherung sagten nur 26% der Cloudworker:innen, dass sie abgesichert sind. Ein ähnliches Bild zeichnet eine Studie von Leimeister, Durward und Zogaj, welche das Arbeitsumfeld auf Crowdsourcing-Plattformen untersucht haben. Danach haben 60% der Personen, die ihre Arbeitskraft hier anbieten, ein Abitur als höchsten Abschluss und rund 24% haben einen Universitätsabschluss. Im Durchschnitt verdienen Personen auf Marktplatz-Plattformen 663 Euro pro Monat (nach Abzug der Plattform-Gebühr, aber vor Abzug der Steuern). Jedoch ist die Spannweite des Minimums (null Euro) und des Maximum (10.000 Euro) immens. Für 72% der befragten Personen auf Marktplatz-Plattformen ist das Einkommen ein Nebenverdienst. Qualitative Interviews, welche im Rahmen der Studie von Nierling, Krings und Küstermann unter anderem mit aktiven Arbeiter:innen aus Deutschland auf Upwork, zeigen, dass diese vielfach als IT-Freelancer:innen die Plattform zur Akquirierung von Projekten nutzen. Andere interviewte Personen im Bereich Gaming gaben an, dass sie sich bewusst für die Plattformarbeit entschieden haben, da sie trotz niedrigerer bis moderater Einnahmen die Flexibilität und weltweit verfügbare Jobs einer regulären Beschäftigung vorziehen. Andere Tätigkeiten gibt es in Bereichen wie Bild- und Textbearbeitung, Architektur oder Übersetzungen.
Neben positiven Aspekten gibt es aber auch grundsätzliche Kritik an dieser Art von Arbeit, denn Upwork bietet Auftraggeber:innen Hilfe an, um die Durchführung der Dienstleistung der Freelancer:innen zu überwachen. Damit können Arbeitszeiten via Time Tracker erfasst, mehrmals pro Stunde Screenshots aufgezeichnet und die Tastenanschläge und Anzahl der Mausklicks gezählt werden. Freiberufler:innen können die Screenshots zwar blockieren oder löschen, jedoch erhalten sie möglicherweise keine Vergütung innerhalb dieses Arbeitsintervalls. Damit geht eine sehr starke Kontrolle von Arbeit durch die Plattform einher. Nach getaner Arbeit erhalten Freiberufler:innen durch ihre Auftaggeber:innen eine Bewertung auf einer Skala von null bis fünf, sodass für jedes Mitglied ein Rating-Score entsteht. Viele Cloud- und Gigworker:innen berichten in unterschiedlichen Studien dementsprechend, dass eine positive Bewertung durch Auftraggeber:innen sehr wichtig ist und das Ansehen auf der Plattform erhöht. Gleichzeitig kritisieren Arbeiter:innen die Arbeit eher als kognitiv anstrengend, da die Auftragsvergabe intransparent und der Zeitdruck nach Auftragserteilung oft sehr hoch ist. Nicht überraschend stellt der Fairwork Bericht bezüglich grundlegender Standards und fairer Arbeitsbedingungen vielen Plattformen kein gutes Zeugnis aus. Dieses Projekt des Internet Instituts der Universität Oxford hat dazu Schlüsselprinzipien entwickelt wie die faire Bezahlung, faire Konditionen, faire Verträge, faires Management oder faire Vertretung. Die meisten Plattformen erfüllen nur zwei dieser Prinzipien: Arbeiter:innen werden pünktlich für abgeschlossene Arbeiten bezahlt und sie haben theoretisch Zugang zu Vertretung und Vereinigungsfreiheit. Für wirklich faire Arbeitsbedingungen muss somit noch einiges getan werden.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Plattformarbeit in Deutschland noch eine kleine Rolle spielt. Die Arbeit wird tendenziell als Nebenerwerb gesehen, die mit Herausforderungen, wie fehlende Sozialabsicherung und Zeitdruck einhergeht. Durch die Ratings entsteht, im Hinblick auf den globalen Wettkampf, ebenfalls Druck. Für weitere Diskussionen wäre es interessant, die Einflussfaktoren auf die Arbeitszufriedenheit und Belastungsfaktoren von Plattformarbeiter:innen genauer zu untersuchen. Ein kritischerer Blick auf den Umgang der Plattformen mit Regulierungen von Arbeits- und Verbraucherschutz, dem Mindestlohn und Sozialabgaben wäre letztlich auch erforderlich.
Sophia Falter