Google, Apple, Amazon, Microsoft, Facebook und andere Digitalkonzerne aus dem Silicon Valley haben eine große soziale und wirtschaftliche Macht in den digitalen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts erlangt. Seit einiger Zeit stehen sie jedoch in der Kritik. Sichtbar wurde das bei mehreren Anhörungen vor dem US-Kongress Zunehmend sollen neue Gesetze in den USA und Europa ihre Macht eindämmen. Trotzdem gelten diese Unternehmen durch strategisches Branding und gut genutzte Rhetorik weiterhin als attraktive Arbeitgeber und als zukunftweisend für die eine moderne Gesellschaft. Das Ziel dieser Unternehmen ist es, so behaupten sie vielfach, die Welt mit rein technologischen Lösungen zu verbessern.

Der Publizist Evgeny Morozov bezeichnet dieses Weltverbesserungstun als Solutionismus. Bereits 2013 warnte er in „To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism„, dass es ein Irrglaube sei mit dem „Internet“ lasse sich jedes Problem lösen. In seinem Buch „Smarte neue Welt, Digitale Technik und die Freiheit des Menschen“, welches ebenfalls 2013 erschien, beschreibt er den Solutionismus u.a. wie folgt:
„Das Bestreben, alle komplexen sozialen Zusammenhänge so umzudeuten, dass sie entweder als genau umrissene Probleme mit ganz bestimmten, berechenbaren Lösungen oder als transparente, selbstevidente Prozesse erscheinen, die sich (…) leicht optimieren lassen.“
Der Begriff des Solutionismus bezeichnet also keine Ideologie, sondern wurde von Kritikern einer besonders im Silicon Valley vorherrschenden Philosophie etabliert. Diese geht davon aus, dass sich im Prinzip alle gesellschaftlichen Probleme durch technologische Ansätze lösen lassen und dass die Weiterentwicklung von fortgeschrittener Technologie (Stichwort KI) per se zu einer gerechteren Gesellschaft führen werde.
Die Entstehung dieser technik-affinen Haltung führt Morozov auf das Vertrauen in die Digitalisierung und auf die politischen Veränderungen in Europa Ende der 1980er Jahre zurück. Demnach herrschte nach dem Ende des Kalten Krieges die Überzeugung vor, dass Technologie und Globalisierung den Wohlstand für alle steigern würden, was für Morozov auf der irrtümlichen Annahme beruhte, dass Kapitalismus und digitale Medien sozusagen von Natur aus demokratisch seien. Neben der Weltverbesserungskomponente sieht Morozov auch ein postpolitisches Denken in diesem Konzept. Nach seiner Auffassung sehen viele Akteure im Silicon Valley die Technologie nicht im politischen Kontext und zeigen wenig Verständnis für die vielfältigen politischen Landschaften anderer Länder; für ihn die „primitivste Form des Technodeterminismus“. Diese Denkweise gehe davon aus, dass eine bestimmte Technologie überall die gleichen politischen Auswirkungen haben würde. Entscheidungsträger im Silicon Valley erweitern diese Annahme auf andere Bereiche wie Bildung, Verwaltung, Verkehr oder das Gesundheitssystem. Sie glauben, dass all diese Bereiche für die gleiche Art der Optimierung und Disruption prädestiniert seien.
Im Silicon Valley vertreten viel wichtige Akteure die Ansicht, dass Technologie der Haupttreiber des Fortschritts sei. Dies blendet aus, dass Technologie oft vor dem Hintergrund bestimmter historischer Entwicklungen und Kontexte entsteht. Für Jeanette Hofmann, Forschungsdirektorin im Bereich Internet Policy und Governance am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, ist diese Einstellung nicht auf das Silicon Valley beschränkt. Ähnliches fände sich in Diskussionen über frühere Technologien und Innovationen wie Elektrizität und Eisenbahn, sowohl in Europa als auch den USA. Es würde die Vorstellung vorherrschen, dass der Fortschritt den Technologien zu verdanken sei und nicht den Menschen, die sie entwickelt und genutzt haben. In den USA käme mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein, was viele Entscheidungsträger demonstrieren, noch eine besondere kulturelle und politische Komponente hinzu. Diese äußere sich in der Idee des „westwärts ziehen und den Kontinent erobern“, sowie in einem Selbstbild im Zeitalter der Globalisierung, dass die Amerikaner die Welt positiv beeinflussen und bereichern.
Adrian Daub, Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Stanford, beschreibt in seinem Buch „Was das Valley denken nennt“, dass die Vorherrschaft des Valleys und damit auch der Siegeszug der Techgläubigkeit, sowie der Glauben an den Solutionismus als Tech-Utopie lediglich das Ergebnis einer erfolgreichen Marketingstrategie sei. Entgegen der Behauptung der Branche, die Produkte seien für alle zugänglich, ist dies tatsächlich nur für diejenigen der Fall, die die Produkte auch technologisch nutzen können und mit denen sich Geld verdienen lässt. Eine ‚schöne neue‘ Arbeitswelt präsentiert sich zwar unkonventioneller, moderner und vermeintlich hierarchiefrei, doch Kontrolle und Ausbeutung von Beschäftigten bleiben unverändert bestehen und gleichzeitig weniger sichtbar durch digitale Überwachungssysteme organisiert (mit denen z.B. Arbeitszeiten via Time Tracker erfasst, mehrmals pro Stunde Screenshots aufgezeichnet und die Tastenanschläge und Anzahl der Mausklicks gezählt werden). Der Solutionismus kommt einigen Politikern aus dem neoliberalen Lager durchaus gelegen, da es ihnen eine Möglichkeit bietet, den Kapitalismus zu „reinigen“ und damit ein weiteres Mal zu ‚retten‘. In Wirklichkeit, so Daub, und hier schließt sich der Kreis zu Morozovs Argumentation, verbirgt sich hinter der Digitalisierung und der verheißungsvollen neuen Arbeitswelt, ein altes neoliberales Geschäftsmodell. Ubers vermeintliche Revolution der Mobilität beispielsweise bedeutet am Ende nur, dass die Fahrer sich von Auftrag zu Auftrag hangeln müssen. Die neue Freiheit und Flexibilität der Arbeit lediglich, dass Clickworker auf etlichen Plattformen für Minihonorare ihre Dienste anbieten müssen und das ohne jegliche Absicherung. Ein weiterer Bestandteil der Marketingstrategie des Silicon Valley ist, laut Daub, die Betonung der Disruption; also, so zu tun, als ob man etwas völlig Neuartiges entwickeln würde, für das das Altbewährte überwunden werden muss. Auch Airbnb bietet im Wesentlichen nichts anderes als die Vermietung von Zimmern, jedoch ohne die üblichen Standards in Bezug auf Arbeitsschutz und soziale Absicherung. Am Ende bleibt lediglich das pure Geschäft übrig, von dem nur eine kleine Gruppe erheblichen Profit zieht.
Oliver Nachtwey und Timo Seidl stellen in ihrem Aufsatz „Die Ethik der Solution und der Geist des digitalen Kapitalismus“ die These auf, dass sich mit der Entstehung eines neuen digitalen Kapitalismus auch ein neuer digitalkapitalistischer Geist herausbildet. Er beruht auf einer Ethik der Solution, die vorgibt die Welt zu verbessern und als Nebenprodukt eine metrische Lebensführung forciert. Wie bei Max Weber, dem Zeitzeugen des rasanten Aufstiegs der Industriegesellschaft, braucht es eine ausserökonomische Triebfeder, eine Motivation und Legitimation für den neuen digitalen Kapitalismus. Diese finden Nachtwey und Seidl in der „Polis der Solution“ als neue Rechtfertigungsordnung im Zentrum dieses digitalkapitalistischen Geistes. Sie belegen ihre These mit einer Analyse verschiedener Dokumente von und über Silicon Valley Protagonisten, in denen diese ihr unternehmerisches Handeln darlegen. Dazu haben Nachtwey und Seidl ein Sample aus Interviews, Reden, Briefen und Biografien von und über zentrale Persönlichkeiten des digitalen Kapitalismus angefertigt und zusätzlich sämtliche Aufsätze des Wired Magazines seit 1994 und des Harvard Business Review seit 1980 in ihren Datensatz integriert. Mittels Machine Learning wurde anschließend ausgewertet, welche Begriffe mit welcher Häufigkeit enthalten sind. Dabei wurde deutlich, dass das Element der Solution, neben Begriffen wie Markt, Branche, Projekt besonders wichtig ist.

Die vom „Weltverbesserer Unternehmertum“ geprägte Polis der Solution findet man laut Nachtwey und Seidl auch in den meisten offiziellen Dokumenten der großen Tech Konzerne aus dem Silicon Valley. So lautet das Mission Statement von Facebook den „Menschen eine neue, bessere Gemeinschaft zu bringen.“

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„Move fast and break things. Unless you are breaking Stuff, you are not moving fast enough.“ Dieses Zitat von Mark Zuckerburg bringt den Prozess der Disruption recht gut auf den Punkt, was nach Nachtwey und Seidl ein zentrales Element im Solutionismus der Elite des digitalen Kapitalismus ist. Man hat das Recht Dinge massiv zu verändern und sollte anstreben die Welt nicht nur zu verbessern, sondern ihre Strukturen aufzubrechen. Apple möchte nicht nur ein gutes Telefon produzieren, sondern den Musikmarkt und die gesamte Lebensführung digital revolutionieren. Uber will Mobilität grundsätzlich neu strukturieren. Disruption zielt darauf ab, ganze Branchen in alter Struktur zu zerbrechen und neu zu erschaffen. Mit der Musikindustrie beispielsweise ist dies teilweise schon gelungen.
Ray Kurzweil, der Chefingenieur von Google, bringt den Solutionismus auf eine ganz neue Ebene. Er propagiert mit seiner Vision einer „Singularität“, in der eine allwissende und allmächtige KI entsteht, die die Welt besser steuern kann als Menschen, einen Transhumanismus als eine Art Ersatzreligion. Die Grenzen zwischen etablierter Religion und ihrer säkularen Ersatzform scheinen im Valley zunehmend zu verschwimmen. Der ehemalige Google-Ingenieur Anthony Levandowski gründete konsequenterweise bereits vor fünf Jahren die „Church of AI„. Diese Gruppierung, die mittlerweile geschlossen ist, verehrte eine zukünftige Superintelligenz und hoffte, ihre Gunst zu erlangen. Nachtwey erläutert aus den transhumanistischen Heilslehren und dem magischen Technikverständnis entstehen neue Götter, die transzendierte Projektionen der Menschen sind. Demnach war Steve Jobs quasi ein Heiliger, ein Mac Store ein Gotteshaus und die Präsentation neuer Produkte eine Messe. Eine asketische Lebensweise kann dann durch eine metrische Lebensführung digital optimiert werden. Diese erweist sich als ähnlich ungnädig wie der Gott der Puritaner. Da hier alles „getrackt“ und Perfektion eingefordert wird. Nicht zuletzt durch uns selbst.
Die Big Tech Firmen sind längst nicht mehr nur wirtschaftliche Größen, sondern haben sich zu kulturellen und ideologischen Mächten entwickelt. Ihr Versprechen, die Zukunft durch eine künstliche Allgemeine Intelligenz (AGI) zu revolutionieren, lockt Investitionen von Regierungen und öffentlichen Institutionen an. Unternehmen wie Palantir, Amazon, Google und Microsoft arbeiten längst mit staatlichen Institutionen, auch in Deutschland, eng zusammen. Was bedeuten die Kooperationen zwischen Big Tech und staatlichen Institutionen für den demokratischen Wettstreit um politische Macht und deren öffentliche Kontrolle? Wie können wir der Bedrohung durch die zunehmende Aushöhlung demokratischer Werte und den Machtmissbrauch im Namen des Fortschritts in der Ära des Solutionismus begegnen?
Nachtwey argumentiert, dass der Solutionismus, wie Morozov ihn beschreibt, Gesellschaft nicht als eine soziale Ordnung unterschiedlicher Institutionen, Organisationen, sozialer Gruppen und einzelner Individuen betrachtet, in welcher Werte, Ziele (politische, soziale, kulturelle, ökonomische) und Konflikte permanent ausverhandelt werden, sondern, als ein fehlerhaftes System, welches Bugs hat, die gefixt werden können. Nachtwey beschreibt diese Perspektive als Computational Thinkingeine besondere Form des postpolitischen Denkens. Einige Entscheidungsträger aus dem Silicon Valley betrachten die Demokratie als veraltete Technologie. Nachtwey betont, dass die solutionistische Rechtfertigungslogik als Geist des Digitalen Kapitalismus real und relevant sei und dies als „Bullshit“ abzutun zu einfach wäre. Viele seien durchaus überzeugt davon, an etwas zu arbeiten, was die Welt besser macht und nehmen Slogans wie „Don‘t be evil“ durchaus ernst. Wenn wir Big Tech nicht in den Griff bekommen, so Nachtwey, steuern wir auf eine Digitale Technokratie zu. „Am Ende realisieren sich die Vorstellungen der Transhumanität nur für die happy few der globalen Klasse aus Kreativen und Superreichen aus dem Silicon Valley. Für alle anderen entsteht eine neue Gefahr digitaler Herrschaft.“ (Nachtwey, re:publica 2019)
Nachtwey fordert daher eine umfassende Debatte über die Zukunft der Demokratie in der digitalen Gesellschaft zu führen. Ähnlich sieht es Adrian Daub und empfiehlt der Politik eine Neuausrichtung beim Umgang mit neuen Technologien. Man solle sich zukünftig nicht weiter den CEOs der führenden Tech Konzerne an den Hals werfen, sondern vielleicht eher mal auf einem Hackerkongreß vorbeischauen. Evgeny Morozov schließt auch nicht aus, dass technische Lösungen, wie beispielsweise die Weiterentwicklung und der Einsatz von KI hilfreich für die Lösung gewisser gesellschaftlicher Probleme sein könnten. Er ist allerdings davon überzeugt, dass die soziopolitische Umgebung die KI-Ergebnisse immer in eine bestimmte Richtung lenkt und ihr so ihr utopisches Potenzial nimmt.
Verbleiben wir also mit der etwas naiv anmutenden Erkenntnis, dass der Solutionismus und Big Tech weiter verlockende Versprechungen machen, wir jedoch kritisch bleiben und die langfristigen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hinterfragen werden und nicht aufhören, für eine ausgewogene Balance zwischen technologischem Fortschritt und dem Schutz unserer demokratischen Werte zu sorgen?
Die aktuellen Vorstöße der Europäischen Kommission in Richtung des Digital Services Act und des Digital Markets Act sind ein Anfang. Zudem will Brüssel die Marktmacht der Konzerne beschränken und mehr Wettbewerb fördern, aber reicht das aus? In den USA scheint den Quasi-Monopolisten von Apple, Google, Meta und Amazon spätestens mit dem Antritt Lina Khans als Chefin der Kartellbehörde FTC im Juni 2021 ein anderer Wind entgegen zu wehen. Hoffnung machte auch das Engagement von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die beispielsweise bei Twitter einen anderen Umgang mit Donald Trump forderten. Dessen Account wurde dann immerhin zeitweise gesperrt (was durch den neuen Eigentümer Elon Musk 2023wieder aufgehoben wurde). Aufhorchen ließ auch die Entscheidung von Google einen Vertrag mit dem Pentagon über das KI-Project Maven aufzukündigen, nachdem Tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Petition gegen die Zusammenarbeit unterzeichnet hatten. Letzteres geschah bereits im Jahr 2018. Das Projekt wurde dann allerdings direkt von Amazon und Microsoft weitergeführt. Es ist nicht nur notwendig, es scheint also auch möglich sich zum Solutionismus und Big Tech kritisch zu verhalten und Einfluss auf Entscheidungen und Prozesse zu nehmen. Social Media kann genutzt werden, um einen konstruktiven Diskurs zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Lagern und Bubbles zu etablieren. Staatliche und nicht staatliche Institutionen müssen in die Pflicht genommen werden, der weiteren Beschneidung (digitaler) Rechte und den vermeintlichen Visionären im Silicon Valley Paroli zu bieten. Die Organisation und Betreuung von einer kritischen Infrastruktur sollte man nicht an börsennotierte digitale Großkonzerne abgeben. Deren Aufspaltungen und Verstaatlichungen können legitime Mittel sein, um Big Tech in die Schranken zu weisen und die Kontrolle über die Weiterentwicklung moderner Gesellschaften nicht aus der Hand zu geben. Für Bürgerinnen und Bürger heißt es in jedem Fall: Aktivistisch werden kann ein Weg sein. Black Lives Matter und Fridays for Future haben gezeigt, dass auch eine globale Mobilisierung möglich ist.
Patrick Kopetzky