Transkript
(Musik) „Von den fernen Bergen kommen wir, yippie yeah! Einmal quer durch die Wüste und das Meer, yippie, yippie yeah! Uns will hier keiner haben, doch man darf ja wohl noch sagen: Ohne eure Waffen wär’n wir gar nicht hier, yeah yeah.“ Der Song von den fernen Bergen von Ali As und Sxtn befasst sich mit dem Auswandern aus dem eigenen Land und dem Heimat-suchen in einem neuen. Es geht darum, wie schwierig die Wege sind, die Migrant*innen zurücklegen müssen, um in einem anderen Land Fuß zu fassen. Das Lied befasst sich auch damit, wie die migrierten Personen im Nachhinein in ihrer neuen Heimat behandelt, wahrgenommen und aufgenommen werden. Kurz – es befasst sich mit Migration. Und das haben wir auch gemacht. Wie das Songzi-tat verdeutlicht, wird das Thema Migration in unserer Gesellschaft sehr kritisch betrach-tet. Es polarisiert und ist aus keiner Wahlperiode wegzudenken. Doch was genau ist eigentlich Migration? Was denken Menschen über diese? Und über wie viele Generationen ist man eine Person, die migriert? All das haben wir, Studierende der Universität Potsdam, uns gefragt und haben diese Fragen mit auf die Straße genommmen. Wir haben dazu nicht nur mit Menschen in Potsdam gesprochen, sondern auch in Berlin zwischen dem Bahnhof Zoologischer Garten und dem Kaufhaus des Westens, kurz Ka-DeWe. Mit diesen Orten wollten wir sicherstellen, möglichst viele Meinungen von unterschiedlichen Personen einzufangen. Diese wollen wir euch gleich vorstellen. Doch zuerst wollen wir euch noch schnell ein paar Zahlen und Fakten an die Hand geben, damit wir alle wissen, um was es hier eigentlich geht. In der Soziologie bezeichnet Migration den Prozess der räumlichen Bewegung von Men-schen von einem Ort zu einem anderen. Dies kann eine dauerhafte oder zeitweilige Veränderung des Wohnortes von Individuen oder Gruppen bedeuten. Diese Verlagerung kann über verschiedene Entfernungen erfolgen, von lokalen Bewegungen innerhalb einer Stadt, bis hin zu grenz- überschreitenden Wanderungen zwischen Ländern und Kontinenten. Migration kann verschiedene Ursachen haben, darunter wirtschaftliche, soziale, politische oder ökologische Faktoren. Menschen migrieren oft auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, Arbeitsmöglichkeiten, Bildung, politischer Stabilität aber auch auf-grund von kulturellen Interessen, aus familiären Motiven oder vor dem Hintergrund von sich verändernden Umweltbedingungen, kriegerischen Auseinandersetzungen und Hungersnöten. Nach dem Statistischen Bundesamt hat eine Person einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil im Ausland geboren ist. Aktuell trifft dies auf 24 Millionen Menschen in Deutschland zu, was einem Anteil von 28 Prozent der Bevölke-rung in deutschen Privathaushalten entspricht. Mehr als die Hälfte davon haben die deutsche Staatsangehörigkeit, zwei Drittel aller Menschen mit Migrationshintergrund haben Wurzeln in einem anderen europäischen Ländern. Bei der Befragung der Passant*innen zeigt sich, dass die Antworten auf unsere Fragen sehr unterschiedlich ausfallen; so auch bei unserer ersten Frage Wir: Was ist ihre Einstellung zum Thema Migration so ganz allgemein? P1: Meine Einstellung (lacht). Ja wer arbeiten möchte kann arbeiten aber ansonsten ja wes ick nich bin ich nicht so sehr dafür, wenn welche sich hier nur n lemmi schieben wollen weste, auf der Rosette ausruhen oder so und nicht für seinen Lebensunterhalt selber sorgen. Gibt ja viele die nur Geld abfassen wollen und (.) aber ansonsten, wer wirklich hier anständig sich integrieren möchte und arbeiten möchte, hab ich nischt dagegen. Im Kontrast zu dieser Aussage befürchten befragte Handwerker nicht genügend Arbeit zu finden aufgrund der hohen Migrant*innenzahlen. Ein anderes Paar, welches wir im KDW angetroffen haben, meint, dass zwischen Kriegs- und Wirtschaftsgeflüchteten unterschieden werden sollte, da aktuell zu viele Menschen nach Deutschland einwandern. Außerdem kritisieren sie, dass nach ihrer Meinung nur junge, nicht arbeitswillige Männer, migrieren würden. Sie würden Frauen und Kinder eher willkommen heißen. Doch es gibt auch andere Meinungen. So betonen einige Befragte, dass eine gelungene und daher auch willkommene Migration von bestimmten Faktoren abhängig ist. P2: Ja hat positive und negative Seiten. […] also es gibt Beispiele wo es halt bereichernd ist für ne Gesellschaft und es gibt halt eben die ja wo es halt negative Auswirkungen hat. Und insofern gibt’s halt 2 Seiten nich und es hängt dann halt auch ab von den Rahmenbedingungen, die dann halt sozusagen ein Land bietet, und ob das dann positive und negative Auswirkungen hat. P3: (Straßengeräusche) ursprünglich dachte ich immer dass ich da komplett aufgeschlossen und offen wäre und ähm ja das ich das mit den Grenzen gar nicht verstehen konnte, jetzt ist es also bin ich grundsätzlich immer noch aber es ist schon so ja das ich wohn da in Kreuzberg am Görlitzer Park ne da mach ich mir schon Sorgen um Migranten ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und wo man da echt sieht die landen, da landen dann eben viele im Drogenhandel und so ja (.) ja also das irgendwas passiert, dass nen bisschen mehr geregelt wird das fänd ich schon gut. Aber so richtig im Herzen denke ich, ich übersetze auch für das Flüchtlingswerk von der EU, also ich gehöre eigentlich zu der anderen Seite, aber es klingt gerade son bisschen anders vielleicht. Ob Migration positiv oder negativ wahrgenommen wird, hängt auch davon ab, wie die Integration von Migrierenden von der Gesellschaft umgesetzt werden. P4: (Straßengeräusche) Wenn sie funktioniert, ist alles gut joa also (lacht) Migration ist wichtig und muss sein, weil ich sach ma Flüchtlinge gibt’s immer und haben auch diverse Gründe und helfen sollte man allen Menschen grundsätzlich. P5: Meine Einstellung dazu, also vom Prinzip her hab ich erstmal nichts dagegen. Wer wirklich in Not ist und auch hier her kommen möchte kann das gerne tun. Die jüngeren unter den Befragten haben eine positivere Einstellung zu dem Thema. P6: Das ist immer so negativ konnotiert aber das eigentlich unser Land schon davon abhängt so wie es jetzt ist also das Migration schon eigentlich was Positives ist. P7: Allgemein regt es mich drüber auf, wenn Leute so tun als wäre es ein großes Problem oder so ich glaub es ist einfach ein Phänomen was es gibt und Leute sollten die Möglichkeit haben die Entscheidung zu treffen wo sie leben wollen. P8: Was soll ich denn für ne Einstellung haben. Ich seh Migration als (.) man kanns nicht verhindern und es muss auf jeden Fall passieren. Es passiert sehr viel in der Welt, das heißt Migration ist schon immer auch ein Teil gewesen […]. Ähm aber ansonsten (.) ja, kein Mensch ist illegal. Doch was verstehen die Befragten unter dem Begriff Migration eigentlich und stimmt das mit der zu Anfang aufgeführten Definition vom Statistischen Bundesamt überein? Es fällt auf, dass viele Befragte den Begriff der Migration mit dem der Flucht gleichstellen. Seit der sogenannten „Flüchtlingswelle“ 2015 verschwimmen die beiden Begriffe in Diskursen miteinander. Dabei ist zusagen, dass der Begriff der „Flüchtlingswelle“ stark negativ konnotiert ist. P4: Ja also Migration ist letzten Endes ja nur die Flucht aus einem anderen Land in ein anderes Land und dort versuchen eine neue Heimat oder eine Übergangsheimat zu schaffen. P6: Das Menschen mit anderer Staatsangehörigkeit in unser Land kommen (.) und hier ihren Alltag bestreiten, also auch arbeiten, leben. Andere definieren den Begriff etwas offener. P3: Ähm naja eigentlich Wanderung heißt es ja ne also ja aber so wie es jetzt politisch gemeint ist würd ich auch denken man lebt halt in einem Land und entscheidet sich dann dazu in nem anderen Land zu leben also das würde für mich jetzt auch bedeuten wenn ich als deutsche jetzt nach Frankreich ziehe is auch Migration Eine der befragten Personen hat sogar erkannt, dass Menschen auch innerhalb eines Landes migrieren können. P7: Ich denke auch an Binnenmigration, also ich komme selbst aus Ostdeutschland und viele migrieren nach Westdeutschland, auch wenn der Migrationsbegriff sich in diesem Sinne so n bisschen komisch anhört. Des Weiteren haben wir die Passant*innen befragt, wer nach ihrer Ansicht eine migrierende Person bzw. deutsch ist: P6: Also für mich bedeutet Hintergrund, dass die Eltern migriert sind so und selber immigriert dann halt natürlich, wenn die Person nicht in diesem Land geboren ist, sondern von einem anderen Land gekommen ist. Eine andere Person ist der Meinung, dass nur Menschen, die selbst immigriert sind, als Migrant*innen zählen. Wiederum jemand anderes sagt: P4: Also ne Person ist dann deutsch, wenn die Person sich als Deutscher fühlt also nicht jeder deutsche ist deutsch und gibt auch viele Ausländer die theoretisch Ausländer sind, sich aber als Deutsche fühlen, wären dann für mich Deutsche und n Migrant ist letzten Endes immer dann jemand der versucht sich in einem anderen Land irgendwie klar zu kommen. Ob das jetzt für ne begrenzte Zeit ist oder für ne längere Zeit aber sich dort eben mit den Gegebenheiten eben versucht auseinander zu setzten, klarzukommen und eben die Zeit dort so gut es geht für sich selber und fürs Umfeld zu gestalten. Was ziehen wir jetzt aus diesen Statements? Dass wir nur eine bestimmte Zahl an Menschen befragt haben, ist klar. Dennoch haben wir den Eindruck, dass das Stimmungsbild, was wir gewonnen haben, die unterschiedlichen Meinungen in unserer Gesellschaft sehr gut repräsentiert. Die Einstellung zu Menschen mit einer Mobilitätsgeschichte fällt unterschiedlich aus. Die Bandbreite reichte von der Ansicht, dass es zu viel sei, bis zur Überzeugung, dass kein Mensch illegal ist. Es fällt auf, dass das äußere Erscheinungsbild, sowie das angenommene Herkunftsland bestimmt, wie Menschen mit Migrationshintergrund begegnet wird. Eine weitere Gemeinsamkeit waren die Aussagen zum Thema Integration. Migration ist für viele wichtig und notwendig, also etwas Positives, wenn sie denn funktioniert. Oft waren die Statements durch die aktuelle Situation geflüchteter Menschen geprägt. Einige machten Individuen für Missstände im deutschen Arbeitsmarkt verantwortlich, während andere das System als Ganzes kritisierten. Wie anfangs bereits erwähnt bietet das Thema ein hohes Konfliktpotential. Gerades deswegen sollten wir uns weiterhin damit befassen und uns bewusst machen, dass wir eine Mitverantwortung für eine gelungene Migration haben. Immerhin hast vielleicht auch Du oder ein Teil Deiner Familie in der Vergangenheit eine Mobilitätsgeschichte. Deshalb ist es wichtig, dass wir dem Thema Platz in der Politik einräumen, ohne zu vergessen, dass Menschen mit solchen Geschichten es verdient haben, dass wir ihnen mit Respekt und auf Augenhöhe begegnen. Und damit bedanken wir uns an bei Euch für Eure Aufmerksamkeit. Dieser Podcast wurde produziert von Tulo Deinlein, Luise Polomski, Ann-Lena Schulz, Marla Riegner und Tommy Amado Cedaño König. Redaktionsschluss war der 25.03.2024
Tulo Deinlein, Luise Polomski, Ann-Lena Schulz, Marla Riegner und Tommy Amado Cedaño König