STAND-UP FÜR DEMOKRATIE

Raphaela de Oliveira Pfeifer

Die Wahrnehmung von Politik und Gesellschaft ist geprägt durch ihre visuelle Repräsentation (in TV, Zeitung, Social Media). Visuelle Reize aller Art bergen die Macht, soziale Ordnungen zu reproduzieren oder zu transformieren; visuelle Reize können etwas un-/sichtbar machen oder repräsentieren, sie sind damit essentiell für die Entwicklung unserer Sichtweisen auf die Welt. Vor diesem Hintergrund widmet sich dieser Beitrag der Arbeit von Tahsim Durguns auf TikTok, der sich durch seine Reichweite auf Social Media immer wieder in die Debatten um eine postmigrantische Gesellschaft einbringt. Seine Inhalte verstehen wir als Reflexion relevanter öffentlicher Diskussionen, welche das Potenzial tragen, individuelle Meinungen zu stabilisieren oder zu verändern.

Tahsim Durgun – Hinter der Kamera                       

Nils Reuter WDR

Tashim Durgun – in den sozialen Medien schon länger ein Name, erreichte durch sein Video “Top 3 Verstecke, wenn du abgeschoben wirst“ ca. 4,2 Millionen Aufrufe auf TikTok. Kurze Zeit später wurde es im Bundestag abgespielt und in der Tagesschau thematisiert. Mittlerweile reicht Durguns Präsenz über seinen Social-Media-Kanal hinaus. In Formaten wie “Deep und Deutlich”, “Böhmi brutzelt” und “Tashims Interview Format”  äußert er sich auf humoristische Weise zu politischen Themen. Im Jahr 2024 erhielt der 28-Jährige Oldenburger den Videodays Award unter der Kategorie “Content Creator of the Year“. Tahsim bezeichnet sich selbst in entsprechender Danksagung als “Migra-Creator” und appelliert an andere Personen des öffentlichen Lebens, insbesondere jene mit Migrationshintergrund, sich sichtbar zu machen und politisch Stimme zu zeigen. Als Kind kurdischer Eltern behandelt Tahsim inhaltlich vorwiegend migrationspolitische Themen. Diese reichen von selbst erlebter Bildungsungleichheit im deutschen Schulsystem, über die mangelnden Deutschkenntnisse seiner Mutter bis hin zu “drei Verstecken vor der AfD”. Häufiger Bestandteil seiner Videos: Interaktionen mit Familienmitgliedern, insbesondere seiner Mutter, welche durch Kochvideos, fast so bekannt wie ihr Sohn geworden ist, nicht zuletzt auch durch das erste Buch von Tahsim (Titel: Mama, bitte lern Deutsch. Unser Eingliederungsversuch in eine geschlossene Gesellschaft).

Der Einstieg in die Medienbranche geschah laut eigenen Aussagen eher unabsichtlich, was sich auch in der authentischen Drehweise seiner Videos zeigt. Tahsim hat Germanistik und Geschichte auf Lehramt studiert und hält sich laut eigenen Aussagen die Option auf den Beruf als Lehrkraft offen. In einem Interview antwortet er auf die Frage, ob er trotz des Erfolges sich noch vorstellen können zu unterrichten: „Ich habe Existenzängste und Stimmen im Kopf, die sagen: Tahsim, mach etwas Vernünftiges und hör auf, dumme Videos im Internet zu posten.„Das positive Feedback der Zuschauenden, zeigt jedoch nicht, dass sie seine bescheidene Einschätzung teilen.

Soziale Medien – It’s giving Democracy

Dass Medien Demokratien (de-)stabilisieren können und den Zeitgeist widerspiegeln mag banal klingen, aber genau deswegen ist es bedeutsam, sich dem Ausmaß aktueller Entwicklungen bewusst zu werden.

Foto: Eigene Aufnahme

Die öffentliche Kommunikation zu politischen und gesellschaftlichen Schlüsselthemen und die individuellen und kollektiven Meinungsbildungsprozesse haben sich in den letzten Jahren durch die zunehmende Nutzung von Social Media Plattformen massiv verändert. Etablierte Formate des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und von großen privaten Medienhäusern, die noch immer mit redaktionell kontrollierten Zyklus von Nachrichten arbeiten, haben gegenüber einem 24/7 Informationsaustausch über private Endgeräte mit stark partizipatorischen Elementen in Form von privaten Posts, Likes und Shares an Bedeutung verloren.

Durch Social Media lebt die Darstellung politischer Inhalte zunehmend einer Gamification. Humor und popkulturelle Referenzen in Sprache und Formaten sind fester Bestandteil politischer Kommunikation geworden. Auf lange Sicht bedeutet das für den politschen Konkurrenzkampf, dass Parteien, die Social Media Kanäle nicht erfolgreich Bespielen können, zukünftig kaum mehr wettbewerbsfährig sein werden.

Auf der FYP – “Top 3 Verstecke, wenn du abgeschoben wirst

Tahsim Durgun verfügt als politischer Social-Media-Influencer über nötige Ressourcen, um TikToks zu produzieren. Er besitzt das Material zur Videoproduktion: Kamera, Licht, Raum, Produktions-Know-How, Zeit, sowie die Ressourcen zum Aufarbeiten der Thematik: Bildung, Reichweite, Social-Media-Know-How, Kreativität. Auch die Teams hinter der Kamera sind relevant, die sich um Kooperationen und Finanzierungen kümmern. Tahsim arbeitet mit einem Management zusammen, welches auch die Berliner Satirik-Gruppe “Datteltäter”, die deutsch-muslimische Stereotype thematisiert, unterstützt.

Mit seinem Video „Top 3 Verstecke, wenn du abgeschoben wirst“, reagiert er auf den Remigrationsskandal von 2024, der von einem Zusammentreffen rechter Politiker*innen in Potsdam ausgelöst wurde, und empfiehlt Betroffenen absurde Verstecke – darunter die Burgerkette „Hans im Glück“; eine Anspielung auf die  Anwesenheit des Miteigners bei dem “Geheimtreffen”, bei der AfD selbst oder bei seiner Mutter.

Wie und wo wurde das Video gepostet?

Das Video erreichte zwischen Januar 2024 und März 2025 etwa. 4,2 Millionen Personen allein auf TikTok. Mit dem 1:29 min langen Video übersteigt es die Durchschnittslänge von TikTok Videos, die 2024 bei ca. 43 Sekunden lag. Das Video wurde neben TikTok auch auf Instagram und YouTube auf Tahsims Account hochgeladen, was die Reichweite noch weiter erhöht hat. 

Screenshot aus Tahsims TikTok

Für das Video benutzt Tahsim die Hashtags #fyp, #comedy, #deutschland, #politik und versucht so durch einleuchtende Schlagwörter eine hohe Sichtbarkeit zu erreichen. Durch solche Hashhtags kann sein Content auf TikToks  “For You Page” (FYP) auch den User*innen angezeigt werden, die Tahsim nicht aktiv auf TikTok folgen.

Was sehen wir? Screenshot aus Tahsims TikTok  

Tahsim ist Protagonist und die einzige Person, die man in dem Video sieht. Größtenteils spielt das TikTok in seinem Zimmer – oder zumindest wirkt es so, als wäre es seins. Man erkennt seine Einrichtung, Deko und Poster wie z.B. “AMK” und ein “The Weeknd”-Album Cover – sprich ein ganz normales Zimmer eines jungen Erwachsenen. Die dynamischen Schnitte, sowie intime und nahen Film-Perspektiven in Sequenzen des Videos, als auch die Stimme seiner Mutter lassen das Video wie ein Videoanruf wirken; es scheint so, als ob man für einen Moment an seinem Privatleben teilhat.

Screenshot aus Tashims TikTok

Der Raum, in dem das Video produziert wurde, sowie die Hintergrundgeräusche sind bewusste Stilmittel. Zusätzlich werden plattformspezifische multimodale Ausdrucksmittel im Video genutzt: eine PowerPoint, Untertitel und Emojis. Alle drei Mittel verleihen dem Video jugendliche, komödiantische und interaktive Aspekte.

Die PowerPoint ist einerseits eine Referenz zu einem TikTok-Trend, andererseits auch als “Roter Faden” des Videos, sowie als Veranschaulichung des Inhalts zu verstehen.

Screenshot aus Tahsims TikTok

Die Untertitel erleichtern das Verständnis des Gesagten – unter anderem die kurzen Gesprächsausschnitte mit einem Mitarbeiter der AfD-Bundesgeschäftsstelle und mit Tahsims Mutter. Sie sind durch bestimmte Schreibweisen wie “abgesch0ben” oder “absch!eben” an TikTok-Richtlinien angepasst, um sicherzustellen, dass das Video nicht gesperrt wird.

Screenshot aus Tahsims TikTok

Obwohl die ironisch gemeinten Emojis lediglich aus humorvollen Zwecken benutzt werden, sind sie ebenfalls Teil TikTok-spezifischer Kommunikation. Wobei der Untertitel: “eS gIbT kEiNe AbScHiEbeWelLen” eine Belustigung über das Gesagte und ebenfalls Referenz zu populären Trends auf TikTok verweist.

Screenshot aus Tahsims TikTok

Was wird vermittelt? Wie wird reagiert?

Die Ausdrucksmittel und die verwendete Sprache verweisen eindeutig darauf, dass das Video Menschen zum Lachen bringen soll. Der Content Creator zeigt die Realität und Absurdität der Migrationsdebatte in Deutschland auf und schafft ein ironisches Statement. So spielt Tahsim Durgun mit dem “Stereotyp-Vorwissen” der Zuschauenden, vor allem gegenüber Moslems, Muslimas und der deutschen Kultur. Die Versteck-Vorschläge sind bewusst absurd, die banale Nachfrage bei der AfD-Bundesgeschäftsstelle offensichtlich ironisch und die Anspielung auf z.B. Backwerk ein klarer Bezug zum Geheimtreffen 2023. Wie das Video verstanden wird – als Statement, Entertainment, Provokation oder Aufklärung – ist subjektiv und abhängig von zahlreichen Faktoren, wie politischen Einstellungen, Vorwissen, Alter, Bildung etc. der Zuschauenden. Dennoch kreiert Tahsim einen zugänglichen politischen Content, der seine Sichtweise konzentriert auf den Punkt bringt.

Als Migra-Creator betont er die Sorgen und Realitäten von Menschen, die von den Vorhaben der AfD und dem gesellschaftlichen Rechtsruck mit am meisten betroffen sind. Durgun konfrontiert die Zuschauenden mit jenen Lebensrealitäten und schafft durch Heiterkeit einen leichteren Umgang mit polarisierenden Themen. Das spiegelt sich auch in der Resonanz des Videos wider; so zeigt sich in den Kommentaren vielfach Freude, Ironie und Dankbarkeit sowie ein emotionaler Austausch. Tahsim Durgun erklärt in einem Interview, dass vor allem Menschen mit Migrationshintergrund positive Rückmeldungen hinterlassen haben und sich durch seinen Content gesehen fühlen. Folgende Screenshots von TikTok Kommentaren unter dem Video stehen stellvertretend für die ca.  6.000 Kommentare, die das Video erhalten hat.

Humor auf Social Media – Politik in 60 Sekunden

TikToks Mehrwert kann als “mood booster” zusammengefasst werden. User*innen nutzen die Plattform gerne, um sich abzulenken oder zu entspannen, ohne nach etwas Bestimmtem suchen zu müssen. Humor ist der optimale Türöffner, um in der Menge an kurzweiliger und passiver Videounterhaltung aufzufallen. Humor ist dabei nicht nur bloße Unterhaltung, sondern wird gezielt als Strategie verwendet, um politische Inhalte zugänglich zu machen. Ein gut platzierter Witz oder eine clever eingebaute Referenz kann mehr bewirken als eine lange Rede im Bundestag. Doch warum ist das so? Humor schafft eine emotionale Verbindung. Er zeigt auf, dass wir einander verstehen und kreiert eine positive Erfahrung. Man assoziiert daher Content-Creator*innen, die einen zum Lachen bringen mit positiven Gefühlen und schaut sich eher ihre Videos an.

Tahsims Personenmarke ist dieser raffinierte Humor, den er trocken und ohne viel Mimik und Gestik rüberbringt. Auch er selbst und seine Familie bleiben nicht verschont von seiner Ironie – so sagt er in einem anderen Video über seine Schwester “Wir nennen sie in der Familie auch das erste Opfer der AfD”. Komplexe Inhalte herunterzubrechen und über diese zu scherzen ist eine beliebte Bewältigungsstrategie , die viele Content Creator*innen, die sich mit Politik beschäftigen, verwenden. Insbesondere Repräsentant*innen von sozialen Minderheiten greifen oft auf Humor und Satire zurück, um soziale Hierarchien zu hinterfragen und um harte gesellschaftliche Realitäten zu verarbeiten. So erklärt Tahsim in einem Interview, dass seine Videos vor allem das Ziel haben, Menschen zum Lachen zu bringen, vor allem wenn es von einem realen Schmerz ablenkt.

Hinsichtlich der letzten Bundestagswahlergebnisse äußerte sich Tahsim nicht in seinem Content. In einem Interview bezeichnet er diese Ergebnisse als einen “Schlag in die Fresse” und warnt vor ihren Folgen – die Lage sei zu ernst, um darauf mit Humor zu reagieren. Kein Statement – soll in diesem Fall ein Statement sein: er will “diese Ergebnisse für sich sprechen lassen”.  Dieses Beispiel zeigt, dass Humor zwar politische Aufmerksamkeit schaffen und Kritik vermitteln kann, aber auch an seine Grenzen stößt.

Soziale Plattformen sind keine isolierte Parallelwelt, sondern beeinflussen Mainstream-Medien, Politik und Debatten, indem sie bspw. diverse Lebensrealitäten aufzeigen. Die zunehmende Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen verändert den politischen Diskurs sowohl positiv als auch negativ. Sie führt bei vielen Menschen in Deutschland auch dazu, dass sie eine postmigrantische und vielfältige Gesellschaft ablehnen, statt sie zu verstehen und mitzugestalten. Content Creator*innen, die trotz Hass in den Medien politische Stellung einnehmen und aufklären, sind deshalb wichtiger denn je. Sie fungieren als Vorbilder und haben die Möglichkeit, Raum für alle in unserer Gesellschaft zu schaffen.

Grundrechte ade – Hallo 1940! – Der Kontext

Im November 2023 stellten Rechtsextreme bei einem Zusammentreffen im Potsdamer Landhaus “Adlon” einen Remigrationsplan vor. Das Landhaus ist ca. acht km von dem Ort der Wannsee Konferenz von 1940 entfernt. Das Recherchenetzwerk „Corrective“ enthüllte Angang 2024 das Treffen, unter dem Titel „Geheimplan gegen Deutschland“ – anwesend waren unter anderem Mitglieder von AfD und CDU sowie Investoren und Vertreter der rechten Szene aus Deutschland und anderen europäischen Ländern. Dieser Plan beruht auf einer rechtswidrigen millionenfachen Ausweisung von Asylbewerber*innen, Ausländer*innen mit Bleiberecht und „nicht assimilierter Staatsbürger*innen“. Letzteres meint Personen mit deutschem Pass, die unter rassistischen Kriterien als “nicht- deutsch” gelten. Das wäre ein Angriff auf das Staatsangehörigkeitsrecht (Art. 16 Abs. 1 GG) als auch der Gleichheitsgrundsatz (Art. 3 GG). Nach der Veröffentlichung folgte eine Welle öffentlicher Gegenwehr sowie das Einberufen einer Aktuellen Stunde im Bundestag. Die Union distanzierte sich von Inhalten des Treffens, die AfD hingegen sprach von einem „privaten Debattierclub“, welcher zu einem „Geheimtreffen aufgeblasen wurde”. Ein Jahr später erzielte die AfD ca. bei den Wahlen zum 21. Deutschen Bundestag ein Rekordergebnis und entschied sich den umstrittenen Begriff der “Remigration” in ihr Wahlprogramm aufzunehmen. Die Debatte verschärfte sich zuletzt, da sich andere Parteien (z.B. die CDU, FDP, BSW) zunehmend für AFD-Positionen öffnen. So stimmten CDU/CSU gemeinsam mit der AfD, ein Jahr nach dem Remigrationsskandal, gemeinsam für das “Zustromsbegrenzungsgesetz” für eine restriktivere Migrationspolitik.

Lisanne Dippel, Raphaela de Oliveira Pfeifer & Veronika Schatova

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