Safe Space statt „Sauf-Space“? Zu queeren Communities in der Partyszene

Forschungssteckbrief:

Forschungsfrage: Welche Rolle spielen geschützte Räume für Personen die sich selbst als queer bezeichnen?   
Datenmaterial:Durchführung eines narrativen Gruppeninterviews mit drei Personen, die sich selbst als queer bezeichnen, im Dezember 2022 (Personen genannt= A./S./Y.)
  
Auswertung:Dokumentarische Methode und Gruppendiskussion nach Bohnsack    
Zeitraum:Dezember 2022 bis Februar 2023
Forscherinnen:Isabelle Riederer, Mirjam Reichardt

Mit den offiziellen Wiedereröffnungen von Clubs, Partys und anderen Veranstaltungsorten nach Corona gibt es wieder ein regeres und regelmäßiges Aufeinandertreffen von jungen Menschen, die nur eines wollen: Feiern, trinken und die eigenen Sorgen vergessen. Doch das können nicht alle so einfach. Queere Communities[1] kämpfen seit Jahrzehnten für eine sichere Partyszene, in der auch sie sich frei bewegen können. Dass dies bis heute nicht gegeben ist, wird deutlich, wenn man sich die zahlreichen Statistiken zur Diskriminierung von LGBTQ+-Menschen ansieht. 870 homophob motivierte Gewalt- und Straftaten gab es allein 2021 in Deutschland. Die Dunkelziffer dürfte aufgrund fehlender und teilweise ungenauer Erfassung durch die der Polizei deutlich höher sein, zumal sehr viele Fälle von den Betroffenen auch nicht angezeigt werden. Wir haben vor diesem Hintergrund eine Gruppendiskussion mit drei queeren Personen geführt, die uns erzählt haben, wie für sie ein Raum aussehen müsste, damit sie sich als queere Person sicher fühlen. 

Safe Spaces, oder auf Deutsch “geschützte Räume” sind gar nicht so einfach zu definieren. Man könnte sagen, Safe Spaces sind physische oder virtuelle Räume, die nur für die Schutzbedürftigen geöffnet werden. Da dies oft nur schwer möglich ist, läuft es in der Realität auf Räume hinaus, die für Schutzbedürftige so sicher wie möglich gestaltet werden sollen. Außerdem stellt sich die Frage, wer als schutzbedürftig gilt. In unserem Fall reden wir von queeren Menschen. Man kann natürlich versuchen, für alle Menschen und Menschengruppen Safe Spaces zu erstellen. Besonders relevant sind Schutzräume aber für Minderheiten und marginalisierte Gruppen. Sie sind in der Vergangenheit häufig durch das Erfahren von struktureller Machtungleichheit und dem daraus folgenden Wunsch entstanden, Räume zu betreten, die frei von solchen Strukturen sind. Safe Spaces sollen einen Schutz vor sexueller Gewalt, Rassismus, Objektifizierung etc. bieten und gleichzeitig einen Raum für den gemeinsamen Austausch von Erfahrungen und die Bildung einer politischen Identität ermöglichen.

Das Gespräch mit unseren Interviewpartner*innen kam bei der Frage, wie denn nun ein so genannter „geschützter Raum“ aussehen müsste, leicht ins Stocken. Wie soll man sowas schließlich konkret beschreiben? Gibt es überhaupt äußerliche Merkmale? Unsere Gesprächteilnehmer*innen betonten, dass es Ihnen vorrangig um das ’sichere Gefühl‘ ginge. Der Fokus läge hierbei vor allem auf dem sphärischen Raum und die Personen, die in jenem Raum anwesend bzw. nicht anwesend sind.

Die Vorteile von Safe Spaces liegen auf der Hand. In einer Umfrage unter 140.000 LGBT+-Personen aus ganz Europa berichteten 43 Prozent davon, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung/Identität bereits belästigt worden zu sein.

Abbildung 1 (5)

Diese Diskriminierungen finden am häufigsten in der Öffentlichkeit oder Freizeit statt, und das wurde auch in dem von uns geführten Gruppeninterviews deutlich, in dem besonders drei Punkte hervorgehoben wurden: Verständnis, Vorurteilsfreiheit und das Ernstnehmen von Diskriminierung. Das grundsätzliche Verstehen der Lage, in der sich offen queere Menschen in der Öffentlichkeit befinden, sei ein wichtiger Punkt. Viel zu oft kommen unangebrachte Blicke und Sprüche. Ganz zu schweigen von körperlicher oder psychischer Gewalt, denen Personen aus der LGBTQ+-Szene häufig ausgesetzt sind. Und wenn zu einem queerfeindlichen Vorfall kommt, erklärten unsere drei Befragten, ist das Wichtigste, dass dies ernst genommen wird. Und zwar von Allen, sowohl man selbst als Angegriffener, als auch Freunde und vor allem die Veranstalter des Events. Y. meinte dazu folgendes: “Mir ist es wichtig, dass sich die Veranstalter gegen Sexismus und Rassismus positionieren und dass sie ganz klar dagegen vorgehen.”

So sehr Safe Spaces auch marginalisierten Gruppen helfen können, sich sicher zu fühlen, gibt es dennoch Probleme, die man nicht außer Acht lassen darf. Exklusive Räume können schnell zu einem abgrenzenden Denken führen, welches unsere Gesellschaft in ein “Wir gegen die Anderen” teilt. Auch in unserem Interview wurde von einer Person darauf hingewiesen, dass LGBTQ+-Zugehörige schließlich nicht anders von ihren Mitmenschen behandelt werden sollten, nur weil sie “queer” seien, sondern gerade deswegen gleich. Auch muss darauf geachtet werden, wofür der Safe Space gedacht ist. Denn wenn dieser ausschließlich der LGBTQ+-Community gehört, werden andere marginalisierte Gruppen und Minderheiten in diesem Zusammenhang ignoriert. Individuelle Intersektionen mit Queerness aus anderen Bereichen wie bei People of Color, Menschen mit Behinderung, Menschen ohne akademischen Abschluss oder anderer sozialer Klasse bleiben unbeachtet. Dabei sind gerade dies die Menschen, die oft am meisten Diskriminierung und Hasskriminalität erfahren – auch in der eigenen Community. Daher ist es auch für queere Menschen wichtig, sich mit den eigenen Privilegien zu befassen und diese zu erkennen. So sagte einer unserer Interviewten dazu: “Also ich muss persönlich sagen, ich hab noch nie irgendwie negative Erfahrungen gemacht mit Diskriminierung in irgendwelchen Events.”. Begründet hat er das selbst damit, dass er männlich und sehr groß sei. Unsere weiblichen Interviewten konnten seine Erfahrung nicht nachvollziehen und erzählten uns über diverse sexistische und homophobe Diskriminierungen, die sie in Clubs oder auf Partys erfahren haben.

Diskriminierung taucht in unterschiedlichen Formen auf und kann verschieden interpretiert werden So berichten unsere Interviewten, dass nicht jeder oder jede Fragen über die eigene Sexualität als störend empfindet. Es gibt genug Personen, die dazu bereit sind, andere aufzuklären. Aber es gibt auch Menschen, die nicht jedes Mal, bloß weil sie in einem öffentlichen Raum sind, Lehrer*in spielen wollen, wie unsere Befragten aus eigener Erfahrung berichteten. Nicht-heterosexuelle Menschen und Personen, die nicht cis-gendered sind, schulden uns keine Aufklärungsarbeit. Und schon gar nicht sind einzelne Individuen in ihrer Freizeit dafür verantwortlich. Das führt aber natürlich dazu, dass sich manche schneller unwohler fühlen als andere. Auch sind Safe Spaces nicht frei von Triggern, die ja ohnehin sehr individuell sein können. Es lässt sich in der tatsächlichen Praxis einfach schwer ein Platz schaffen, an dem niemand etwas auszusetzen hat.

Und was ist jetzt die Lösung? So einfach ist das nicht. Natürlich folgen Safe Spaces oft ähnlichen Prinzipien Stichwort Verständnis, Vorurteilsfreiheit und das Ernstnehmen von Diskriminierung. Aber in der Realität kann das schwierig umzusetzen sein. Wichtig ist aber, immer ein offenes Ohr für Betroffene von Diskriminierung zu haben, egal ob man Freund*in oder Veranstalter*in ist. Das haben wir auch in unserem Interview gemerkt. Jede*r von unseren Gästen hatte eine eigene Geschichte und eigene Erfahrungen, die ihre Meinungen und Vorschläge hinsichtlich safe spaces deutlich prägten. Solange es allerdings immer noch zu Diskriminierung und Gewalttaten kommt, sind geschützte Räume unabdingbar. Auch wenn diese kein hundertprozentiger Sicherheitsgarant sind. Und selbst wenn es mal zu Auseinandersetzungen kommt, ist es wichtig, dass man sich darüber austauschen kann und auch klare Grenzen formuliert. Safe Spaces funktionieren nicht ohne einen ständigen Austausch von Informationen.


[1] Wir wollen erwähnen, dass der Begriff “queer” sich vor allem durch die Abgrenzung zu normativen sexuellen Orientierungen und binären Geschlechtsidentitäten definiert. Dadurch wird er zu einem großen Sammelbegriff eines Spektrums. Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass es nur eine “queere Community” gäbe oder dass es sich um eine homogene Gruppe handle. Queere Menschen sind grundsätzlich divers – die einzige Gemeinsamkeit, die auf Jede*n zutrifft, ist die Selbstidentifikation mit dem Wort “queer”.

Mirjam Reichardt, C. Riederer

Hinterlasse einen Kommentar

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close