Auf Kaffee und Kuchen bei Zoom – Wie Corona die Digitalisierung meiner Eltern vorantreibt

Ein bisschen erstaunt war ich schon als meine Mutter auf dem Bildschirm erschien. Meine Familie wohnt an verschiedenen Orten: Meine Eltern im schönen Havelland, ein Teil meiner Geschwister in Berlin, mein ältester Bruder in Bayern und ich in Potsdam. Geburtstage und Feiertage liegen übers Jahr so gut verteilt, dass sie uns als Familie genügend Gelegenheiten geben, um sich regelmäßig sehen zu können, ohne dass zu viel Abstand zwischen den Treffen liegt. Als dieses Jahr bei unserem alljährlichen Ostertreffen Corona dazwischenkam, wollten wir es uns trotzdem – oder vielleicht gerade weil die Zeiten so neu und unsicher waren – nicht nehmen lassen, uns zu treffen. Nur eben virtuell. Für meine Geschwister war das kein Problem. So ein Zoom-Familientreffen hatten wir vorher noch nicht organisiert, aber ist an sich auch keine große Sache. Auch bei meinem Dad sah ich kein Problem. Aber würde meine Ma Freude daran haben?

Meine Eltern sind, ich würde sagen, „grunddigitalisiert“. Die wesentlichen Trends haben sie mitgenommen: Wir hatten bereits 1999 diesen Computer, den es damals bei Aldi gab und wenige Jahre später Internet für 10 ct. pro Minute. Dann kamen DSL und eine Flatrate. Und mein Vater, immer interessiert daran, nicht völlig abgehängt zu werden, hat sich vor 7 Jahren ein Smartphone geholt. Gar nicht viel später als ich. Nur meine Ma hielt sich bislang zurück. Ein Handy hat sich für sie einfach nicht bewährt. Sie braucht es nicht in ihrer Heimatstadt, in der sie schon immer gelebt und gearbeitet hat. Wenn etwas sein sollte, kann sie zuhause vom Festnetz anrufen. Fotos, die wir auf dem Smartphone zeigen, schaute sie bislang immer etwas zurückhaltend an. Nach ein paar Mal wischen reicht es ihr schon. „Danke, ich hab einen guten Eindruck bekommen. Aber: Warum muss man denn immer so viele Bilder aufnehmen?“. Wenn wir Kinder während eines Gesprächs hin und wieder aufs Handy schauen, irritiert sie das. „Musst du da immer raufstarren?“, fragte sie mich einmal etwas verzweifelt. Ich legte das Handy für den Rest des Tages weg.

Doch meine Ma empfindet nicht nur Skepsis, sondern auch Respekt für den technologischen Fortschritt. An Weihnachten fragte sie mich einmal zu einem Geschenk: „Wo hast du das denn herbekommen?“ – „Amazon“, antwortete ich. „Ja, die schaffen dir heute alles herbei. Na klar!“, erwiderte sie daraufhin nachdenklich und eher an sich selbst gewandt. Wir kamen ins Gespräch darüber, wie es früher war (sie ist in der DDR aufgewachsen) und wie sehr es sie doch überrascht, was heute logistisch möglich ist. Trotzdem schlug ihr Erstaunen nie in Begeisterung um und sie nutzte den Computer bislang nur für das nötigste, etwa um einen formalen Brief oder eine Bewerbung zu verfassen.

Naja. Und dann kam Corona. Und meine Mutter entdeckt die Vorteile moderner Kommunikationstechnologien. An Ostern lächelte sie uns auf dem Bildschirm an und fragte, ob ich nicht mal Lust hätte mit der Webcam meine Wohnung zu zeigen. Auch scheint sie sich in letzter Zeit des Öfteren an den Computer zu setzen, denn neuerdings erhalte ich Mails statt Anrufe von meiner Mutter. Keine zweckgebundenen Mails, wie: „Ruf mal bei Tante Hildegard an, da freut die sich. Gruß Mama“. Briefähnliche Mails, in denen sie einfach mal erzählt, wie es ihr so geht. Mit denen wir uns austauschen können. „Ich dachte, ich probier‘s einfach mal mit dem Computer“.

Was ist passiert?

Corona ist in vielerlei Hinsicht eine soziale Herausforderung – keine Frage. Wer eh schon benachteiligt ist, hat es durch die Maßnahmen häufig noch schwerer: Kinderbetreuung, die Pflege bedürftiger Angehöriger, Haupteinnahmequellen, Jobs und Geschäfte sind einfach weggebrochen. Wer sich vorher einsam fühlte, musste während des Lockdowns mit einer neuen Qualität der Isolation klarkommen. Gleichzeitig haben die Corona-Maßnahmen auch ein paar positive Entwicklungen angeregt: Es wurde neu über Klimaziele diskutiert, Solidarität mit den „Systemrelevanten“ gezeigt, Nachbarn haben sich gegenseitig unterstützt, Home-Office bekommt einen neuen Stellenwert und damit für viele mehr Optionen, um Familie und Arbeit unter einem Hut zu bekommen. Zudem wurde öffentlich für häusliche Gewalt, Depressionen und andere gesellschaftliche Probleme sensibilisiert. Und ich denke, die Maßnahmen haben die Digitalisierung bei vielen Skeptiker*innen als etwas erscheinen lassen, dem man mal eine Chance geben sollte. Aber warum erst mit Corona? Was war so neu an der Situation?

Ich habe meine Eltern in den letzten Wochen etwas genauer beobachtet und mir sind drei Aspekte an den Corona-Maßnahmen aufgefallen, die erklären könnten, weshalb sich meine Ma neuerdings digitalisieren lässt.

Ein Lockdown verschafft Zeit für Kompetenzentwicklung
Der Lockdown, um die Ausbreitung des Virus zu bändigen, zwang einen Großteil der Leute, die nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten, den Alltagstrott fast vollständig zum Stillstand zu bringen. Für diejenigen, die Kinder oder pflegende Angehörige betreuen mussten, bedeutete das häufig noch mehr Stress, einen völlig neuen Lebensrhythmus und sehr viel persönliche Abstriche. Für andere, und dazu zähle ich meine Eltern, war tatsächlich Zeit da, um mal Luft zu holen. „Ich kann endlich mit der Hausfassade weitermachen!“ und: „Ich bin froh, dass ich mehr Zeit für Gymnastik habe. Ich geh jetzt sogar ein bisschen laufen“, antworteten meine Eltern, als ich mal horchte, wie sie sich denn so mit der neuen Situation arrangiert hätten. Plötzlich war sie da die Zeit, die sonst immer fehlte, für Dinge, die man immer aufschieben musste. Und das betrifft nicht nur Projekte in oder an den eigenen vier Wänden, Fitness oder Hobbys. Ich glaube Digitalisierung ist für nicht-digital natives, zu denen ich meine Eltern zähle, eines dieser Mammut-Projekte, die für sie bislang nur schwer anzugehen waren. Hinzu kommen immer wieder neue Geräte und andere Formen der Online-Kommunikation. Der Corona-Lockdown bot für sie eine Gelegenheit IT-Kenntnisse nachzuholen.

Social Distancing schafft Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
Wenn wir zu meinen Schwiegereltern fahren, kommt Schwiegermutter eigentlich immer mit einer To-Do-Liste auf uns zu, auf der sowas steht wie: „beidseitig drucken funktioniert nicht mehr“, „Handy-Blinken ausschalten“, „Smart-TV einrichten“. Wenn ich meine Eltern oder Schwiegereltern besuche, dann natürlich in erster Linie um gemeinsam Zeit zu verbringen. Aber eben auch um ihnen zu helfen. Und seit ich denken kann, waren wir Kinder für sie immer die ersten Ansprechpartner*innen, wenn es um technische Fragen ging. Wann wir unsere Eltern das nächste Mal sehen können, war bis vor wenigen Wochen noch nicht klar. Das „Blink-Problem“ auf dem Handy blieb ja trotzdem bestehen. Das stellte viele nicht-digital natives vor die Aufgabe, dringende technische Probleme selbst zu lösen. Social Distancing verschaffte demnach auch Raum für Eigeninitiative im Umgang mit den neuen Kommunikationstechnologien.

„Wir treffen uns bei Zoom, ja?“, hör ich nun ganz selbstverständlich meine Eltern sagen. Meine Sorgen, dass es Probleme beim Einrichten des Meetings geben könnte, ist jetzt irgendwie nicht mehr so groß wie früher.

Ein generationsübergreifendes Mindset für Digitalisierung
„Was gibt es denn da immer so rumzuspielen?!“ ist ein Satz, den ich noch aus Teenager-Tagen kenne. Damals habe ich das Handy (auch) zum Spielen benutzt. Heute habe ich keine Spiele-Apps mehr auf meinem Smartphone. Ich schreibe stattdessen, schaue, lese, recherchiere, prüfe und kommuniziere mit meinem Telefon. Aber kann man das „rumspielen“ nennen?

Für mich hat dieses ominöse Internet auf meinem Handy einen ganz anderen Wert als bloße Spielerei: Es ist für mich eine Welt voller Möglichkeiten mich selbst zu finden, mich mit Leuten über Raum und Zeit hinweg zu verbinden, in Kontakt zu bleiben und informiert zu bleiben. Während viele Ältere die technologischen Entwicklungen bislang nicht ganz so ernst nehmen konnten, haben sie für meine Generation eine existenzielle Bedeutung.

Als meine Ma anfing, mir längere Mails zu schicken, hatte ich den Eindruck, sie hat tatsächlich ihr Mindset geändert. Jetzt wo sie mal Zeit hatte und in der Lage war, sich selbstständig IT-Kenntnisse anzueignen, nutzt sie das Internet in der Form, wie ich es eigentlich immer genutzt habe: Nicht nur als Ort der Unterhaltung, Spielerei und Ablenkung, sondern auch der tiefen Verbundenheit mit Menschen, die man sonst nicht mal schnell auf Kaffee und Kuchen treffen kann.

Ob sich meine Ma in geraumer Zeit ein Smartphone zulegt? Ich glaube nicht. Dass sie mir, auch wenn es keine Corona-Maßnahmen mehr geben muss, weiterhin Mails schreibt? Ich denke schon. Ich denke auch, dass sie mehr Verständnis hat, wenn sie das nächste Mal sieht, wie ich mal wieder vor meinem Laptop oder Smartphone hänge. Nachrichten checken. Mails schreiben. Das braucht seine Zeit, wenn man‘s ernst meint. Macht sie ja jetzt auch neuerdings.

Kati Renard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close