Schule und Corona: Chance für die Digitalisierung oder Triebfeder für mehr Ungleichheit im Bildungssektor?

Die Corona-Krise hat den deutschen Schulalltag auf den Kopf gestellt, daran besteht kein Zweifel. Für viele Lehrkräfte ist es nun zum ersten Mal erforderlich, ihre Schüler digital beim Lernen zu begleiten. Warum dies das Bildungswesen auf eine harte Probe stellt, zeigt eine aktuelle Studie der Robert-Bosch-Stiftung (2020): etwa ein Drittel der Lehrkräfte sind mit weniger als der Hälfte ihrer Schüler in regelmäßigem Austausch; ein Problem, welches besonders an Grundschulen besteht (Abb. 1).

Abbildungen 1: Kommunikation zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen

Quelle: eigene Darstellung basierend auf Robert-Bosch-Stiftung (2020)

Gerade von Hartz-IV betroffene Haushalte und Familien mit Migrationshintergrund können den technischen Anforderungen für Online-Unterricht seltener entsprechen. Neben einem eigenen Computer fehlt häufig auch ein eigenes Zimmer, in dem die Schülerinnen und Schüler den Stoff zuhause bewältigen können. Ob diese Kinder, gerade aus sozial schwachen Milieus, überhaupt am Unterricht teilnehmen können, ist fraglich. In welchem Maße die Krise die sozialen Ungleichheiten in deutschen Schulen verschärft, macht auch eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (2020) deutlich. Diese Studie zeigt, dass Familien zwar im Schnitt recht gut für Homeschooling ausgerüstet sind, dies aber längst nicht auf alle zutrifft. Einen eigenen Schreibtisch haben 89 Prozent aller Zwölfjährigen, in Hartz-IV-Familien sind es nur gut 70 Prozent. 86 Prozent der Schüler*innen dieser Altersgruppe verfügen über ein eignes Zimmer, bei Familien mit Migrationshintergrund und bei Familien mit Hartz-IV trifft dies nur auf zwei Drittel der Kinder zu.

Doch hinsichtlich der Motivation zum Lernen durch die Eltern, lassen sich zwischen den verschiedenen Gruppen kaum Unterschiede erkennen. Dies ist deckungsgleich zu Erkenntnissen aus der Bildungsforschung, wonach gerade Zuwanderer einen besonders hohen Bildungsehrgeiz aufweisen Gresch (2012). Es wird deutlich, nicht der Wille der Eltern ist hier das Problem, sondern deren fehlende Möglichkeiten. Dies trifft nicht nur auf die Schüler zu, auch viele Lehrkräfte fühlen sich nicht gut genug vorbereitet, ihren Unterricht in Online-Formate zu übertragen. Es herrscht Unsicherheit bezüglich des Datenschutzes, Urheberrecht oder der Nutzung digitaler Tools. Dazu kommt, dass die Digitalisierung des Unterrichts für viele Lehrkräfte mit einer starken Erhöhung der Vor- und Nachbereitungszeit einhergeht und oftmals die Unterstützung der Schulleitung nicht ausreicht, wie dies eine Studie der Vodafone Stiftung (2020) zeigt Abb. 2.

Abbildung 2: Konzeption der Lehre während der Schulschließung

Quelle: eigene Darstellung basierend auf Studie der Vodafone Stiftung (2020)

Eines ist damit sicher: Nach der Corona-Krise müssen Themen wie Unterrichtsqualität sowie die Unterstützung und Qualifizierung der Lehrkräfte oben auf der Agenda stehen. Und der Staat muss verstärkt in die Entwicklung kommerzfreier, öffentlicher und datenschutzrechtlich unbedenkliche IT-Dienstleistungen investieren, anstatt Plattformlösungen von Privatunternehmen zu fördern. Denn in den Schulen mangelt es bisher häufig an grundlegender digitaler Infrastruktur (Vodafone Stiftung 2020, vgl. Abb. 3)

Abbildung 3: Digitale Infrastruktur an Schulen vor der COVID-19 bedingten Schließung

Quelle: eigene Darstellung basierende auf Vodafone Stiftung (2020)

Aber dies ist nur eine Seite der Medaille. Der Föderalismus erweist sich hier zunehmend als hemmend. Zwar hatte der Bund im Mai 2019 einen Digitalpakt über fünf Milliarden Euro verabschiedet, dennoch kommen diese Mittel nur sehr langsam an den Schulen an (News4Teachers 2019). Und es fehlt ein überzeugendes Gesamtkonzept, denn einzelne Schulen stellen (je nach Bedarf und Sichtweise) sehr unterschiedliche Förderanträge. Nordrhein-Westfalen investiert zunächst vor allem in die Vernetzung des Schulgebäudes und die WLAN-Netze, während in Niedersachsen und Bayern Tablets und Laptops angeschafft wurden (Der Tagesspiegel). Selten gehen die Maßnahmen dabei über die Anschaffung von Technik hinaus, was jedoch für den Erfolg des digitalen Lernens als eine Methode im Schulalltag dringend notwendig wäre.

Aktuell wird also deutlich, dass Herausforderungen des Unterrichts in Corona-Zeiten von mehreren Seiten bestehen. Zum einen mangelt es an den technischen Gegebenheiten und einheitlichen digitalen Unterrichtskonzepten seitens der Schulen, zum anderen sind nicht alle Schüler in der Lage diese angemessen zu nutzen und in den Familien fehlen vielfach die sozialen Voraussetzungen für das digitale Lernen. Neu sind diese Mängel im deutschen Schulsystem nicht. Seit Jahren fordern Expert*innen mehr Lehrer*innen, kleinere Klassen, eine bessere finanzielle Ausstattung der Schulen und eine zielgerichtete Unterstützung für Schüler*innen aus sozial schwachen Haushalten. 2019 gab Deutschland 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Bildungsbereich aus und liegt damit deutlich hinter vielen anderen europäischen Staaten. Zum Vergleich: in Ländern wie Schweden oder Finnland sind es um die 7 Prozent des BIP (siehe Abb. 4).

Abbildung 4: Bildungsausgaben in Deutschland im internationalen Vergleich (in % des BIP)

Quelle: eigene Darstellung basierend auf Bundeszentrale für Politische Bildung (2019)

Für eine Lösung muss das Problem also auf unterschiedlichen Ebenen angegangen werden. Dies erfordert neben politischer Unterstützung und einer verbesserten finanziellen und technischen Ausstattung der Schulen auch das Engagement der Lehrenden, sich an die veränderten Gegebenheiten anzupassen um gemeinsam mit den Schüler*innen für die Zukunft zu lernen. Gelingt dies nicht, droht die Corona-Krise die Bildungsungleichheit in Deutschland weiter zu verschärfen.

Noa Groicher

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